Am Tag vor der Abreise treffen wir uns in Dresden,
letzte Vorbereitungen werden erledigt, wir sind froh, daß
Große seinen neuen gebrauchten Kombi mitgebracht hat. In der Limousine
hätten wir ziemliche Platzprobleme gehabt. Nach dem gemeinsamen Mittagessen
geht es los. Erstaunlich gut geht die Fahrt über die polnischen Landstraßen,
die man eigentlich eher als eine riesige Baustelle bezeichnen könnte - eine
Autofahrt durch Polen macht einfach keinen Spaß. Kurz nach Mitternacht
überqueren wir bei Brest den Bug.
Am weißrussischen Grenzposten stehen bereits zwei
italienische Wohnmobile, die sogar von echten Italienern gefahren werden.
Ansonsten ist nicht viel los an dieser Grenze, wir sind auf eine lange
Prozedur gefaßt, doch geht die Abfertigung erstaunlich zügig. Einzig bei der
Gepäckkontrolle deutet der Beamte auf unseren alten zusätzlichen
Ersatzreifen ohne Felge und verlangt 2€ pro Kilogramm Zoll! So einen
Schwachsinn habe ich an einer Grenze noch nicht erlebt, daß für Schrott in
so kleinen Mengen Zoll erhoben wird. Da es ein Altreifen ist, den es beim
freundlichen Reifenhändler umsonst gab, schlage ich vor, ihn einfach in den
Müll zu werfen. Der Grenzer schaut mich entgeistert an und will wissen,
wofür wir den Reifen denn mitgenommen hätten. „Emergency!“ Er schlägt vor,
daß wir den Zoll bei der nächsten Einreise bezahlen.
Es ist schon mal beruhigend, wenn die Grenzer, oft die größten Arschlöcher,
keine Lust auf Gemeinheiten haben. Nachdem wir eine weißrussische
Krankenversicherung in der Tasche haben und auch das Auto registriert ist,
rollen wir ein und verbringen den Rest der Nacht direkt hinter der Grenze im
Auto. Entsprechend gerädert fühlen wir uns am nächsten Tag.
Als wir durch Brest schlendern sind wir erstmal sehr
überrascht. Vom erwarteten Gammel ist in der Stadt keine Spur. Die Gebäude
und Straßen sind gut in Schuß, auch Dreck liegt nicht herum. Die meisten
Leute sind gut gekleidet. Einzig manche Wohnhäuser sehen ärmlich aus. Nach
einem Kaffee in der Fußgängerzone und dem Mittagessen im Park sehen wir uns
das Weltkriegsdenkmal an. Während die meisten solcher Denkmäler eher
langweilig sind, ist dieses wirklich beeindruckend. Ein riesiger Stern
markiert den Eingang, gefolgt von einer überdimensionalen Soldatenskulptur
und einem Obelisk. Einige Leute erweisen den gefallenen Soldaten die Ehre.
Am späten Nachmittag fahren wir weiter in Richtung Grodno. Kurz hinter einer
Mautstelle, wo wir wegen des deutschen Kennzeichens nur in Euro oder Dollar
bezahlen durften, hält uns ein Polizist an. Er will uns sagen, daß man auch
auf der Autobahn innerorts nur 60 fahren darf. Zum Glück bleibt es bei der
Belehrung – ein ebenfalls aufgehaltener Einheimischer mußte zahlen und
verließ das Auto des Polizisten ohne Quittung. Die Straßen bleiben gut und
leer, nur ein Abschnitt einer Nebenstraße ist nicht asphaltiert. In Grodno
finden wir schnell ein Hotel, doch leider lassen sich die Damen an der
Rezeption nicht davon überzeugen, uns alle in einem Zimmer schlafen zu
lassen. So bekommen wir alle drei ein kleines zwei Zimmer Appartement – zum
Preis einer Berliner Jugendherberge. Leider reichen unsere
Russischkenntnisse nicht aus, um der Dame zu sagen, daß wir weder Unzucht
unter Männern planen, noch Interesse an den Damenbesuchen haben, die es laut
dem Lonely Planet in dem Hause des Abends öfter gibt.
Grodno ist noch angenehmer als Brest. Die Stadt hat
eine hübsche, blitzende Fußgängerzone, Parks, das malerische Memelufer und
auf dem Leninplatz scheint sich abends die halbe Stadt zu versammeln. Der
Lonely Planet beschreibt sie als exzellentes Beispiel einer sowjetischen
Stadt, doch entweder ist der Autor nie dort gewesen, oder es hat sich in
unmittelbarer Vergangenheit viel getan. Lustig sind die vielen
Schulabgänger, die in Festtagskleidern und mit Schärpen durch die Stadt
ziehen. Abends ist auf dem zentralen Leninplatz die Hölle los, es wird
gemeinsam gesessen, getratscht und getrunken. Am Gebäude nebenan hängt ein
riesiges Banner „Ja ljublju tebja Belarus!“ Ich liebe dich, Belarus – solche
Parolen sind in diesem Land keine Seltenheit. Auf einem modernen Bildschirm
wird keine kommerzielle Werbung gemacht, stattdessen laufen Gesundheits- und
Sicherheitskampagnen. Große ist von den weißrussischen Frauen sehr angetan,
redet pausenlos davon, statt etwas zu unternehmen. Die meisten machen
wirklich sehr viel aus sich und zeigen, was sie zu bieten haben.
Beim Verlassen der Stadt geraten wir erst wieder in
eine unproblematische Verkehrskontrolle, sehen dann durch Zufall ein Stock
Car Race, das wir natürlich ansehen müssen.
Weiter geht es über de gute Landstraße Richtung Minsk, vorbei an kleinen
Dörfern, die allesamt etwas ärmlich und traditionell aussehen, aber fast
alle gut gepflegt sind. Viele Häuser sind aus Holz. In der kleinen Stadt
Lida legen wir einen Essensstop ein, schlagen dann außerhalb der Stadt unser
Zelt an einem Baggersee auf. Die Suche gestaltete sich etwas schwierig.
Nachdem die Suche nach einem auf der Karte verzeichneten See in einer
Datschensiedlung endete, fanden wir den kleinen See durch Zufall. Nachdem
die Liebespaare weg sind, haben wir den schönen Platz ganz für uns. Es ist
schön, beim Wildcampen einen See als Waschgelegenheit zu haben. Morgens wird
im Kieswerk am anderen Ufer gearbeitet, an uns stört sich keiner.
Schnell erreichen wir Minsk, wo es uns auf Anhieb gefällt. Auch die
Hauptstadt ist sehr sauber und gepflegt. Noch nirgends habe ich so schöne
sozialistische Architektur gesehen. Im Grunde macht dies Weißrußland zu
einem wunderbaren Reiseziel – man sieht Dinge, die es daheim nicht gibt,
wird nicht von nervigen Touristenschwärmen und auch von sonst niemandem
gestört. Ganz im Gegenteil, die meisten Leute reagieren sehr freundlich und
aufgeschlossen auf uns, unser schlechtes Russisch und ihre schlechten
Fremdsprachenkenntnisse lassen sie eher lachen als mürrisch reagieren. In
Minsk fallen uns erstmal einige Ausländer auf, es gibt sogar ein kleines
Informationsbüro.
Statt ein Hotel zu suchen, fahren wir aus der Stadt hinaus und finden
abseits eines Vororts eine Badestelle am Minsker See, wo wir das Zelt
aufschlagen. Die Erholungssuchenden stören sich nicht an uns. Leider geht es
Scheel und seinem Magen in der Nacht nicht gut, dazu regnet und stürmt es
noch gewaltig. Am Morgen fahren wir nach Minsk und quartieren uns in ein
Hotel ein. Diesmal ist es auch kein Problem, ein Doppelzimmer zu beziehen,
Scheel bekommt ein „Krankenzimmer“ und schon bald geht es ihm besser. Da das
Wetter nicht so gut ist und wir ohnehin noch in Minsk bleiben wollten, ist
das günstige Hotelzimmer auch für uns das Beste. Als wir wieder durch die
Stadt schlendern, erscheint plötzlich ein Polizeiaufgebot, die Straße wird
abgesperrt und eine dunkle Limousine mit dem Kennzeichen 001 BY kommt
vorbeigerast. Das war wohl eine zufällige Begegnung mit Lukaschenko.
Große knüpft derweil erfolgreich Kontakte zur Rezeptionistin, die
erstaunlich gut deutsch spricht. Sie meint, daß es eine neue Weisung vom
Präsidenten persönlich gibt, daß Ausländer ordentlich zu behandeln sind. Der
Schein des chicen Landes ist ihrer Meinung nach auf russischen Krediten
errichtet. Man hätte es ahnen können.
Nach den schönen Tagen in Minsk geht es durch die
schöne, wenn auch flache Landschaft nach Gomel. Teils geht es durch Wälder,
Felder und ausgedehnte Sumpfgebiete. Die weitläufige Landschaft ist angenehm
und eine Abwechslung zur dicht besiedelten Heimat.
Gomel ist insgesamt etwas trister als das bisher gesehene. Nicht so chic,
die meisten Leute etwas schlechter gekleidet. Von der Katastrophe von
Tschernobyl war diese Stadt sehr betroffen, doch das Leben ging weiter.
Außerhalb der Stadt kaufen wir noch Getränke an einem Truck Stop - drinnen
sieht es wirklich so düster aus, wie man es von draußen vermutet hatte, und
suchen uns dann einen Platz inmitten großer Felder. Zuerst finden wir eine
kleine Müllhalde, fahren dann zum Glück weiter und finden ein Stück Wiese
mit herrlicher Aussicht auf die Felder. Der Kocher steht schon bevor das
Zelt ganz aufgebaut ist und schon bald kochen Nudeln und Gemüse.
Am nächsten Morgen kommt ein Arbeiter mit Trecker zu Besuch. Unbeeindruckt
fährt er an unserem Lagerplatz vorbei. Anscheinend hat er besseres zu tun
als sich zu beschweren.
Nach kurzer Fahrt stehen wir schon an der Grenze. Die Abfertigung ist
ziemlich langwierig. Ich werde jedoch den Eindruck nicht los, daß die
mangelnden Sprachkenntnisse die Prozedur einmal wieder etwas beschleunigen.
An der Ukrainischen Kontrolle, die sich erst 20km Landeinwärts befindet,
heißt es erstmal warten, Pässe stempeln, Auto registrieren und beim Zoll
vorsprechen. Als dann auch der Laufzettel abgegeben ist, dürfen wir rein ins
Land.
Verglichen mit den belarussischen Straßen, fahren wir
nun auf Buckelpisten und kommen wesentlich langsamer voran. Die Ortschaften
sind weniger gepflegt als im Nachbarland, auch die Leute sind merklich
schlechter gekleidet. Wir schaffen es nicht bis nach Lemberg und suchen uns
abermals einen freien Übernachtungsplatz. An einem kleinen Waldstück
zwischen den Feldern werden wir fündig, nebenan grillt eine Familie, wir
kochen wieder mit Gas. Später, wir sitzen gerade gemütlich zusammen und
genießen unser Nachtisch-Bier, bekommen wir Besuch. Die beiden Damen sind
schon sehr betrunken und feiern gerade einen Geburtstag. Bald kommen einige
dazu, sie benehmen sich nicht gerade gut. Als ihnen klar wird, daß wir keine
Lust haben mit ihnen zu feiern, nennen sie uns Faschisten. Auch wenn wir die
genaue Bedeutung des Wortes in dieser Region nicht kennen, nett wird es
nicht sein.
Als wir schlafen gehen wollen, ist von der Partygesellschaft keine Spur
mehr.
Der Weg nach Lemberg ist nicht mehr weit, wären da nur nicht die vielen
Baustellen. Wenigstens versprechen diese baldige Besserung. Interessant ist
dabei, daß die meisten Baufahrzeuge türkische Kennzeichen haben - sogar ein
Aserbaidschaner war dazwischen. Mangelt es der Ukraine etwa an
Arbeitskräften?
In der Stadt angekommen, stoßen wir erstmal wieder auf Touristen, die sich
den Ukrainischen Gammel ansehen. Wobei – abgesehen von den völlig kaputten
Straßen ist die Stadt gar nicht so übel – nur eben etwas zu voll für unseren
Geschmack.
Am Abend bringen wir noch Scheel zum Bahnhof, er möchte in den nächsten Zug
nach Kiev steigen, um von dort aus nach Rußland weiterzureisen. Wir zwei
Verbliebenen machen uns gleich auf den Weg zur Grenze, wo wir wieder für ein
langwieriges Prozedere anstehen müssen. Drüben in Polen suchen wir schnell
einen Übernachtungsplatz, die Auswahl ist lang nicht so groß wie im
weitläufigen Belarus.
Nach einer kurzen Nacht im Auto fahren wir zügig, mit einem kleinen
Abstecher nach Krakau, zurück nach Deutschland. Die neue Autobahn durch
Polens Süden macht die Fahrt sogar etwas angenehm.
Praktisches:
Einreise
Zur Einreise ist ein Visum erforderlich. Ein
Touristenvisum wird nur gegen Vorlage eines „Visa Support Letter“ eines
Reiseunternehmens ausgestellt. Eine Pro-forma Buchung wie beim russischen
Visum reicht hier nicht aus.
Privatreisevisa werden jedoch ohne Einladung ausgestellt. Voraussetzung ist
eine Adresse eines Gastgebers in Belarus, die auf dem Visumantrag anzugeben
ist. Eine Hoteladresse genügt nicht. Die Kosten sind hoch – insgesamt etwa
95 Euro pro Person inklusive des Honorars für den Visadienst. Nicht jeder
Visadienst erledigt dies. Herumfragen lohnt.
Bei der Einreise muß für die Dauer des Aufenthalts (nicht der Gültigkeit des
Visums) eine einheimische Krankenversicherung abgeschlossen werden.
Bei der Einreise muß eine Migrationskarte ausgefüllt werden. Der Abschnitt A
wird einbehalten, Abschnitt B ist bis zur Ausreise aufzubewahren.
Eine Registrierung, die auf der Migrationskarte vermerkt wird, ist Pflicht.
Unsere Registrierungen waren natürlich lückenhaft, was an der Grenze bei der
Ausreise nicht beanstandet wurde.
Das Auto muß bei der Einreise registriert werden. Die hierfür ausgestellte
Quittung wird bei der Ausreise wieder eingezogen.
Reist man in ein anderes Land aus als das, aus dem man gekommen ist, wird
eine Transitgebühr für das Kraftfahrzeug verlangt. Diese fällt bei langen
Aufenthalten sehr hoch aus.
Tanken
Diesel, 80, 92 und 95 Oktan sind überall sehr
preiswert erhältlich. Häufig auch Autogas, Super Plus ist selten.
Beim Tanken muß in der Regel vorher bezahlt werden.
Viele Tankstellen akzeptieren neben Landeswährung auch russische Rubel, Euro
und US-Dollar sowie Kreditkarten. Bei Kreditkartenzahlung wird meist eine
PIN-Eingabe verlangt - auch dann, wenn für die Kreditkarte gar keine PIN
vergeben wurde.
Straßen
Der Straßenzustand
variiert stark. Während die Hauptrouten in sehr gutem Zustand sind, muß man
auf Nebenstraßen auch mit Schotter oder kaputten Belägen rechnen. Die
Verkehrsdichte ist in den Städten erträglich, außerorts oft sehr gering.
In der Ukraine waren die Straßen schlecht aber immer noch akzeptabel.
Die Anreise durch Polen war wie erwartet eher unangenehm. Viele Baustellen,
schlechte überlastete Straßen. Zum Glück sind die meisten Starenkästen außer
Betrieb.
Parken
In den Städten gibt es
viel Parkraum, meist kostenlos. Für die Nacht gibt es sehr preiswerte
bewachte Parkplätze.
Geld
Landeswährung:
Weißrussischer Rubel.
In vielen Wechselstuben kann man Euro oder Dollar tauschen, ebenfalls an den
ausreichend vorhandenen Geldautomaten mit Kredit- oder EC Karte
Landeswährung oder US-Dollar abheben.
Hotels, moderne Supermärkte und Tankstellen akzeptieren oft Kartenzahlung,
man benötigt zur Zahlung jedoch fast immer eine PIN Nummer.
Literatur
Der nicht mehr ganz
aktuelle Lonely Planet wirft die Frage auf, ob der Autor das Land überhaupt
einmal bereist hat. Anscheinend fehlt Belarus in der aktuellen Ausgabe nicht
ohne Grund.
Viel empfehlenswerter ist da zum Beispiel „Weißrußland entdecken“ – es
liefert zwar wenig praktische Informationen, doch sind diese ohnehin nicht
wirklich notwendig, denn viel Auswahl an Hotels und Gaststätten gibt es
ohnehin nicht. Herumspazieren und die Augen offen halten lohnt.