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13.05.12

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 Reiseinformationen

Mit den Wohnwagen zum Kaukasus und zurück           

Die Idee von einer Kaukasusreise mit dem Wohnwagen war nichts Neues. Anfangs war mir dies selbst nicht ganz geheuer, denn die Entfernung ist enorm, ab der türkischen Ostgrenze fällt auch das Sicherheitspaket des ADAC weg. Ich durchforstete viele Abende lang das Internet nach Informationen. Dies war gar nicht so einfach, denn von Weltreisenden werden diese kleinen Länder offensichtlich weitestgehend ignoriert, da die klassische Route gen Osten direkt von der Türkei in den Iran führt. In keinem einzigen Forum fand ich wirklich brauchbare Informationen. Immerhin gab es schon einige wenige Reiseberichte – so ausgefallen konnte meine Idee also doch nicht sein. Ich recherchierte weiter, doch die gefundenen Informationen stellten sich größtenteils als falsch heraus, fand jedoch auch nichts, was gegen die Reise sprechen sollte. Mit den besten Wünschen für die Organisation des Rücktransports unseres Schrotthaufens fuhren wir los. Einmal wieder wurde unser Ziel vom Umfeld für lebensgefährlich gehalten und es schien für manch einen unmöglich, das Auto wieder heil zurückzufahren. Das kommt eben davon, wenn man nicht auf dem Laufenden ist.

Schon einige Tage vor der Abreise steht der Wohnwagen vor unserem Haus an der Straße. Er bekommt neue Gardinen, wird gereinigt, etwas umgebaut und bestückt. Ohne Hektik konnte es losgehen – zur Abwechslung sogar einmal pünktlich. Das Ziel heißt diesmal Stepanakert, die Hauptstadt Bergkarabachs.

Die bereits bekannte langweilige Strecke nach Südungarn fahren wir an einem Tag und verbringen die Nacht auf einem Autobahnparkplatz. Am nächsten Morgen besuchen wir noch das Dreiländermonument von Ungarn, Rumänien und Serbien, wobei uns zwei Grenzer stören. Sie motzen rum, weil ich nicht sofort gehalten habe und zu ihnen gerannt bin, kontrollieren die Pässe und erzählen uns umständlich, daß Schengen hier zu Ende ist. Es ist schon peinlich, wenn ausgerechnet Grenzpolizisten nicht ordentlich Englisch sprechen.

Langweiliges Südungarn

"Triplex" Dreiländermonument

 

 

 

An der rumänischen Grenze geht es zügig voran, die EU macht das Reisen eben leichter. Im ersten Ort besorgen wir etwas Geld und kaufen ein. Fast jeder Passant dreht sich nach uns um, daran müssen wir uns wohl gewöhnen.

Gut gesicherte Baustelle Rumänische Hauptverbindungsstraße

Die Etappe durch Rumänien ist unangenehm, zwar hat sich in den letzten Jahren offensichtlich einiges getan – die Orte sind wesentlich gepflegter und sauberer, doch sind die Straßen eine einzige Katastrophe. Das Straßennetz hätte eher den Namen „Baustellennetz mit Ampeln“ verdient. Schon die nagelneuen Abschnitte sind voll mit Löchern und Kanten. Als wir abends endlich beim Wasserkraftwerk Portile de Fier nach Serbien einfahren, sind wir heilfroh. So schön dieses Land auch ist, möchten wir es erstmal nicht mehr mit dem Auto bereisen.

Das kleine Stück Serbien bei Negotin fahren wir eigentlich nur, um die teure Donaufähre zu meiden und fahren am nächsten Morgen zur bulgarischen Grenze. Die Straßen sind gut und ruhig, ein Traum im Vergleich zu Rumänien. Ein alter Wegweiser zeigt noch den Weg zur Volksrepublik Bulgarien. Die Grenze ist schnell geschafft, auf beiden Seiten sind wir die einzigen Reisenden und die Beamten scheinen dankbar für etwas Smalltalk.

Nach einem Spaziergang durchs schöne, aber eher beschauliche Vidin geht es zu den Felsen von Belogradchik. Eigentlich ist jedoch eher die Fahrt durch die schöne Gegend die Hauptattraktion des Tages. Am Abend stoßen wir auf einen Stausee. Ein idealer Platz zum Übernachten.

Vidin Belogradchik


Zügig fahren wir durch den Norden Bulgariens. Von vielen der kleinen Orte ist nicht mehr viel übrig, sie wirken wie verlassene Flecken, an denen Zeit und Fortschritt vorbeiziehen, während in den Städten das Leben pulsiert. Erschreckend viele Häuser sind in beklagenswerten Zustand oder stehen leer.
Gegen Abend erreichen wir Veliko Tarnovo. In der Umgebung soll es zwar einen Campingplatz geben, doch bevorzugen wir eine Wiese mit schöner Aussicht in Stadtnähe. Diese Stadt, die eigentlich immer einen Besuch wert ist, hat ein schönes Zentrum mit angenehmen Restaurants. Neben der Stadt thront auf einem Fels die Burg. Eintrittskarten sind sehr günstig und auch wenn es in der Anlage an sich nicht viel zu sehen gibt, hat man von dort einen herrlichen Blick auf die Stadt und ihre Umgebung.

Veliko Tarnovo  


Da wir ohnehin an die südliche Schwarzmeerküste wollen, machen wir noch einen Abstecher ins Gebirge. Der Shipkapaß, vor einigen Jahren noch eine Hauptverkehrsader, ist nun für Lastwagen und leider auch für Gespanne gesperrt. Ich „übersehe“ das Schild, da es mit etwa 1500m ein vergleichsweise niedriger Paß ohne dramatische Steigungen ist. Durch den Wald geht es bis zur Paßhöhe. Am Schipkadenkmal, das an die Zurückschlagung der osmanischen Armee mit der Hilfe russischer Truppen erinnert, wird, als wir ankommen, gerade diese Schlacht nachgestellt. Leider scheint das Event eher schlecht geplant – die Teilnehmer streiten sich zwischendurch, was genau zu tun ist und manche Akteure müssen so gleich mehrmals sterben. Die Kostüme können sich jedoch wirklich sehen lassen.

Shipkapaß  


Die Europastraße zum Schwarzen Meer wird gerade in Stand gesetzt, entsprechend wechselt der Fahrbahnbelang zwischen nagelneu und Schotter in den Baustellenbereichen. Die Ortschaften machen einen alles andere als guten Eindruck, des öfteren kommen wir an Armensiedlungen vorbei, in denen überwiegend Zigeuner in improvisierten Hütten leben. Erst mitten in der Nacht erreichen wir die Küste und finden sogar noch einen super Übernachtungsplatz direkt am Wasser.
Die Küstenstraße wird südlich von Burgas immer ruhiger und endet bei Rezovo an der türkischen Grenze. An den Ufern des kleinen Grenzbachs stehen sich riesige Tafeln mit den Nationalflaggen gegenüber. Bulgarien läßt es an dieser Stelle nicht aus, die Türken daran zu erinnern, daß hier die EU Außengrenze verläuft.

bei Ahtopol Bulgarisch/Türkische Grenze am Schwarzen Meer bei Rezovo


Auf dem Rückweg von unserem Grenzspaziergang treffen wir drei Jungs aus Berlin, die mit einem VW Kombi unterwegs nach Istanbul sind. Sie hatten bei Rezovo einen Grenzübergang vermutet und sich beim Umkehren den Reifen am Bordstein aufgerissen.

Nach dem Essen und Einkaufen im gemütlichen Ahtopol finden wir einen tollen Stellplatz an einem Steilufer und verbringen den restlichen Tag in der Sonne.

 

Die Straße zum Grenzübergang bei Malko Tarnovo wir immer holpriger, je näher man an die Grenze kommt. Der bulgarische Kontrolleur ist so lässig und stark, daß er sich nur im Schneckentempo bewegt. Ich nutze die Zeit, um die Mülltonnen des Grenzpostens mit unseren Abfällen vollzustopfen.

Nach Istanbul geradeaus!  


Auf türkischer Seite tun wir es den anderen gleich: Mann tappelt ins Abfertigungsgebäude, Frau bleibt zurück und fährt das Auto weiter, wenn sich in der Schlange etwas bewegt. Die Pässe sind schnell gestempelt, ebenso zügig ist das Auto registriert. Auf dem Weg zurück zum Auto hält mich noch ein Soldat an, der die ganze Zeit auf einer Bank in der Sonne sitzt. Er knallt noch einen Stempel dazu, schmiert seine Unterschrift darüber, an einem Tor wird alles noch einmal angesehen – und schon sind wir in der Türkei.
Thrakien, der europäische Teil der Türkei erscheint uns als plattes Land mit wenigen Reizen. Nach dem Einkauf in einem schicken Einkaufszentrum fahren wir auf die Autobahn in Richtung Bosporus. Die Autobahn ist super in Schuß und unsere Fahrt wird nur durch die Frontscheibe des Wohnwagens unterbrochen, die dem großzügigen türkischen Tempolimit für Gespanne nicht standhält. Wenigstens haben wir genug Panzerklebeband dabei und sind mittlerweile geübt im provisorischen Einsetzen einer Scheibe. Unschön nur, daß wir nun den Großteil der Reise mit einem geflickten Wohnwagen unterwegs sind.

Türkische Autobahn Bosporusbrücke


Der Verkehr fließt an diesem Sonntag flüssig über die riesige Autobahnbrücke nach Asien. Anschließend fährt es sich auf der Landstraße zum Schwarzen Meer ebenso schön – die meisten Leute fahren nun zurück nach Istanbul. Insbesondere wegen der Istanbuler Wochenendurlauber hat sich am westlichen Schwarzen Meer eine gute touristische Infrastruktur entwickelt. Da wir aber alles andere wollen als einen typischen Campingplatz, stellen wir uns neben einem solchen an einem weiten, leeren Strand ans Wasser.
Die Landschaft ist herrlich und wir folgen den kleinen kurvigen Straßen entlang der Küste, gegen Abend erreichen wir den kleinen Ort Inkum, der zwischen riesigen Felsen direkt ans Meer gebaut ist. Zu erreichen ist er über eine kleine Serpentinenstraße. Freie Fläche gibt es natürlich nicht und wir stellen uns dort, wo der Ort zu Ende ist, an die Uferpromenade. Es ist schön, einmal in einem Ort zu übernachten und abends etwas durch die Straßen zu schlendern.

Bartin  

Als wir nach Bartin hereinfahren, ist gerade Markt, den wir uns genauer ansehen wollen. Auf dem Parkplatz sorgen wir für eine Meinungsverschiedenheit bei den Parkwächtern. Während der Ältere von ihnen mich durchwinkt, trommelt mir sein junger Kollege aufs Dach, fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, meint ich sei zu lang und müsse umkehren. Am Ende soll ich mich zu den Kleintransportern stellen und zahle für zwei Fahrzeuge, Einweisung inklusive, es geht doch!
Der Markt ist gleichzeitig wahnsinnig chaotisch und sehr angenehm. Auf Touristen ist man hier nicht eingestellt, wir sind weit und breit die einzigen. Anders als in den Urlaubsgebieten zupft einem also keiner am Ärmel und man kann sich in aller Ruhe umsehen. Auch der Ort selbst ist sehr angenehm, leider ist das Leben gerade durch den Ramadan etwas gelähmt.

Amasra  


Im Touristenort Amasra lassen wir uns für die Nacht neben dem Busbahnhof nieder. Der Ort ist wunderschön, vorwiegend auf türkische Touristen eingestellt und sein Charme ist noch nicht komplett von Souvenirständen verdeckt. Der Ort ist unter anderem bekannt für eine mittelalterliche Brücke, die die einzige Verbindung zu einem Ortsteil auf einer vorgelagerten Insel ist. Am Wasser perfektionieren Fischerboote das Panorama.
Landschaftlich bleibt es auch östlich von Amasra herrlich, doch läßt die Straße sehr nach – Asphalt, Schotter, Splitt und weicher Teer wechseln sich ab. Diese Mischung hält hervorragend am Auto und ich frage mich, wie ich es jemals wieder gereinigt bekommen soll – ganz zu schweigen von den Steinschlägen, die mir der entgegenkommende Verkehr beschert. Am Abend bin ich wahnsinnig froh, daß die Etappe zu Ende ist und hoffe auf Besserung. Zum ersten Mal auf der Tour schlafen wir auf einem Campingplatz – jedoch ist hier niemand in Sicht, alle Häuschen sind abgeschlossen, doch die Außenduschen funktionieren. Wenn sonst keiner da ist, schlafen wir auch gern mal auf einem Campingplatz. Am nächsten Tag bekommen wir wieder besseren Asphalt unter die Räder. Nach einem Abstecher an den nördlichsten Punkt Anatoliens fahren wir nach Sinop und sehen uns die schöne, aber unspektakuläre Stadt an. Beim Ausparken sitzt der Anhänger auf einer Kante auf. Die Platzwärter kommen sofort und helfen mir, ihn auf die Seite zu drücken – ruckzuck ist er wieder frei.
Außerhalb der Stadt gibt es jede Menge Platz direkt am Strand, ideal zum Übernachten, wenn einen die herumlaufenden Kühe nicht stören. Am nächsten Morgen begrüßt uns ein anderer Wildcamper. „Und Ihr seids auch aus Bayern. KI – des is doch Kitzingen!“ Um solch fatalen Irrtümern vorzubeugen, werde ich das nächste Mal doch das Kennzeichen KI – EL wählen.

Nördlichster Zipfel Anatoliens In Sinop

Östlich von Sinop wird die Straße zusehends besser, jedoch steigt auch das Verkehrsaufkommen. Einige Kilometer weiter haben Küstenstraße und Gebäude das ursprüngliche Ufer komplett eingenommen, Strände und Promenaden gibt es nicht mehr, doch auch diese Strecke hat etwas Positives. Man kann von einer hervorragend ausgebauten Schnellstraße die schöne Bergkulisse genießen, die sich quasi aus dem Meer erhebt.
In Trabzon gehen wir einmal wieder in eines der neuen Einkaufszentren. Auf dem fast leeren Parkplatz darf ich das Gespann nicht quer parken, sondern muß den Anhänger abkuppeln und ein eine Parklücke drücken. Drinnen der nächste Kontakt mit der Security: Wir müssen den Stecker unseres Laptops ziehen. Strom ist wohl nicht im Service inbegriffen, während drahtloser Internetzugang kostenlos angeboten wird. Der Ordnungswahn, der anscheinend als modern und professionell angesehen wird, scheint noch schlimmer als in Deutschland zu sein. In einem Jeansgeschäft wird zwar tatsächlich gut Englisch gesprochen, doch hören die Mitarbeiter nicht zu. Stefanie fragt nach einem Modell, die Mitarbeiter beharren darauf, daß ihr diese Größe nicht passen wird. Als wir mehrmals hintereinander sagen, daß es um das Modell und nicht um die Größe geht, stellt sich endlich heraus, daß es nicht vorrätig ist. Sofort werden wahllos andere Hosen aus den Regalen gezogen, doch wir gehen lieber. Will man Deutschland schätzen lernen, muß man hin und wieder mal mit offenen Augen verreisen. Hauptsache, auf dem Parkplatz herrscht Ordnung!
Als wir die Stadt verlassen wollen, hupt neben uns jemand pausenlos, als ich doch einmal zu ihm herüberblicke, reibt er aufgeregt Daumen und Zeigefinger aneinander. Will er etwa Geld? Nein, er will den Wohnwagen kaufen. Als ich das Fenster ein Stück herunterlasse brüllt er „How much?“ herüber.

Küstenstraße nach Trabzon Uzungöl

Bevor wir weiter in Richtung Georgien fahren, machen wir noch einen Abstecher in die Berge. Die Straße nach Uzungöl steigt steil an. Der kleine Ort liegt inmitten von Bergen an einem See. Man könnte glatt meinen, in den Alpen zu sein, wären da nicht die Minarette im Bild.
Als ich am nächsten Morgen Wasser hole, begegnet mir der Bürgermeister in fließendem Deutsch. Nach einem kleinen Ausflug in die Berge merke ich, daß etwas mit dem Auto nicht stimmt. Der Motor läuft im Leerlauf sehr unruhig und geht manchmal aus. Ich finde einen abgefallenen Luftschlauch, stecke ihn wieder fest und der Motor läuft vorerst wieder rund – leider nur vorerst, denn nach wenigen Kilometern tritt das gleiche Problem wieder auf. Da der Wagen jedoch während der Fahrt sehr gut läuft, fahren wir weiter zur georgischen Grenze. Der Kontrollposten taucht ganz plötzlich hinter einem Tunnel auf, sofort weisen mich mehrere Leute in die einzige infragekommende Spur. Ich stelle mich an der Paßkontrolle an, wo sich gerade eine Busladung drängelt. Ständig zupft mich jemand anderes am Ärmel, daß ich mich doch an einem anderen Schalter anstellen soll. Nach ein paar deutlichen Worten auf Deutsch ist zum Glück Ruhe. Bis zum Schluß finde ich nicht heraus, ob die Leute einfach helfen wollten oder ob es Grenzschlepper waren. Danach hole ich noch einen Stempel beim Zoll ab und fahre siegessicher zum Tor nach Georgien. Hier werde ich gleich zurückgeschickt, zum Glück kann ich mittlerweile auch mit dem Anhänger einigermaßen rangieren. Unsere Papiere gibt der Grenzer zwei herumstehenden Kerlen, denen ich sie schnell wieder aus der Hand nehme. Ob ich will oder nicht, werde ich von ihnen zu einem Schalter geführt, den ich verpaßt habe. Was mich an der Sache aufregt ist, daß sich dieser auf der Lastwagenspur befindet und eigentlich vor der Fahrzeugausstemplung erledigt werden soll. Toll, daß mich dort niemand auf den Fehler hinwies. Mit einem Krakel mehr auf der ohnehin schon total vollgeschmierten Paßseite werden wir nun durchgelassen.

Auf georgischer Seite muß erstmal eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen werden. Bei genauerer Betrachtung der Police findet man heraus, daß sie sie nur Schäden bis knapp 2000 € deckt. Für den Fall von Personenschäden gibt es noch eine Leistungsliste mit Prozentangaben. Einfach lächerlich, besonders weil die meisten Einheimischen ganz ohne Versicherung unterwegs sind. Für die Einreisekontrolle darf komischerweise nur der Fahrer im Fahrzeug sitzen, während die Insassen die Fußgängerspur nutzen müssen. Paß und Fahrzeugdaten werden mehrfach notiert, ein kleiner Aufkleber im Paß dokumentiert die Fahrzeugeinfuhr. Zum Glück wollen die ausnehmend freundlichen Grenzer in Wohnwagen und Auto nur kurze Blicke werfen.
Direkt hinter dem letzten Schlagbaum beginnt der Grenzort mit Kneipen, Ramsch und Nutten. In den nächsten Orten scheint der Tourismus zu blühen und es wird gefeiert. Vom Ramadan ist keine Spur mehr, Georgien ist ein christliches Land. Da wir keine Lust mehr haben, nach einem schönen Platz zu suchen, stellen wir uns für den Rest der Nacht an eine Tankstelle kurz vor Batumi.

Am nächsten Morgen erzähle ich den Tankwarten, eigentlich nur nebenbei, von dem Problem mit dem Auto. Natürlich wollen sie sich das selbst ansehen, was der englischsprachige Chef mitbekommt. Er möchte uns zu einer guten Werkstatt bringen, bis diese öffnet, können wir bei ihm im Büro Kaffee trinken.
Die erste Werkstatt, sie gehört einem Türken und ist wohl eher auf Lastwagen spezialisiert, ist wohl schlechter ausgestattet als die meisten deutschen Hobbyschrauberhallen, wir fahren weiter zu einer kleinen Werkstatt, vor der gerade ein fast neuer Mercedes CLS abgeladen wird. Hier wird russisch gesprochen, der Meister hat den Fehlerspeicher schnell ausgelesen und einige Minuten später ist ein weiterer Luftschlauch geflickt und das Auto läuft wieder wie es soll. Obwohl mein Auto in Georgien nichts Besonderes mehr ist, haben wir die ganze Zeit lang einige Zuschauer. Zum Glück fahren wir Mercedes- damit kennen sich Mechaniker weltweit aus.

Batumi  

Nun, da das Problem mit dem Motor gelöst ist, sind auch wir wieder entspannter, gucken uns den Touristenort Batumi an und suchen uns danach einen Platz am Meer.
Auch vor Georgien hatte man uns vor der Reise gewarnt. Die Gründe dafür können wir nicht ganz nachvollziehen. Die Straßen sind in Ordnung, die Leute sind sehr freundlich – wenn man etwas einkauft, nach Wasser fragt oder tankt muß man meistens noch etwas über sich erzählen oder zuhören, welche Worte der Gegenüber auf Deutsch sagen kann. Das einzig Störende ist das nicht vorhandene Umweltbewußtsein. Es liegt wirklich überall Müll herum, am Strand findet man Hinterlassenschaften ganzer Lagerfeuergesellschaften. Wenn wir unseren Müll in eine Tonne werfen, frage ich mich manchmal, ob wir ihn nicht genausogut in den nächsten Fluß werfen könnten, denn anscheinend wird hier ohnehin alles in der Landschaft verklappt. Eigentlich hatten wir Georgien nur als Transitland eingeplant, doch ändern diesen Plan nun schnell.

Weiter geht es über die M1, die Hauptverkehrsader des Landes. Sie führt durch schöne und abwechslungsreiche Landschaft. Die Hafenstadt Poti macht auf uns keinen guten Eindruck und schnell fahren wir weiter. Interessant ist das Warenangebot an der Straße. In jedem Ort verkauft eigenartigerweise fast jeder das Gleiche. Erst gibt es Obst, ein paar Kilometer weiter Korbwaren, Backwaren, Gemüse oder Pfifferlinge – Pfifferlinge? Wir halten und bekommen eine halbvolle Einkaufstüte der leckeren Pilze. Zwischendurch geht es noch durch einen alten Tunnel, in dem das Wasser tropft, die Sicht ist durch Abgase getrübt – von Beleuchtung ganz zu schweigen. Unter Einsatz aller Scheinwerfer versuche ich um die tiefen Schlaglöcher herumzukommen. Am Ausgang müssen wir dafür auch noch Maut bezahlen! Wenigstens hatte er ein schönes Portal im Sowjetstil.

In Gori angekommen sehen wir sofort die Spuren des gerade erst beendeten Krieges mit Rußland. Über die Flüsse führen provisorische Brücken, am Stadtrand stehen riesige Siedlungen winziger Häuser, die wohl Flüchtlingen ein vorläufiges Zuhause geben. Trotz allem ist kaum zu glauben, daß die Stadt vor knapp einem Jahr fast komplett leer war, da fast die ganze Bevölkerung vor den russischen Truppen geflohen war. Das Leben scheint seinen normalen Gang zu gehen, die Straßen sind belebt wie anderswo auch.

Der Stadt wird wohl noch lange Zeit in den Köpfen der Leute mit ihrem großen Sohn Josef Stalin verbunden sein. Am zentralen Stalinplatz hat man dem Schlächter ein Denkmal gesetzt und ein Museum zu seinen Ehren errichtet. Während wir es uns ansehen, stelle ich mir so etwas als Adolf-Hitler-Platz in Braunau am Inn vor.

Kurz vor Gori - der Knick liegt an der Behelfsbrücke Stalin
Gori Südlich von Gori

Kurz nachdem wir uns wieder in Bewegung gesetzt haben, möchte wieder einmal jemand den Wohnwagen kaufen. Er spricht uns an einer gerade auf grün springenden Ampel an, es ist also keine Gelegenheit, seine Preisvorstellungen anzuhören. Im Grunde genommen wäre es gar keine schlechten Sache, den Wagen zu verkaufen, die vielen tausend Kilometer ohne das Gewicht am Haken zu fahren und für die nächste Saison einen neuen anzuschaffen. Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, daß sich ein guter Preis erzielen ließe, denn ein Wohnwagen ist auf dem Kaukasus etwas Besonderes, uns begegnete kein Einziger, wir waren allerorts ein Blickfang.

Die Nachtplatzsuche ist gar nicht mal so einfach, denn südlich der Stadt kommt man sofort in eine bergige Gegend, die Straße schlängelt sich immer entweder durch Dörfer oder direkt am Hang entlang. Am Ende finden wir doch noch ein schönes Plätzchen, das sogar an einem Bach liegt. Um den Wohnwagen halbwegs gerade abstellen zu können, muß ich jedoch auf der einen Seite ein kleines Loch für das Rad buddeln und ihn auf der anderen Seite etwas hochkurbeln.

Richtung Tiflis führt die M1 einmal unmittelbar an der Grenze von Südossetien entlang, es soll hier eine starke Militärpräsenz und viele Kontrollen geben. Von alledem keine Spur. Vor Tiflis wird der Verkehr dichter und es gibt es sogar ein kleines Stück Autobahn. Schon auf dem Land fahren die Georgier aggressiv und leichtsinnig – mit einer flexiblen Auslegung der Verkehrsregeln oder temperamentvoller Fahrweise hat das jedenfalls nichts mehr zu tun. Das automobile Tiflis übertrifft noch alle schlechten Erfahrungen, die ich in Großstädten bisher gemacht habe. Der Straßenverkehr ist einfach ein wahnsinnig aggressives Chaos, dazu muß man noch aufpassen, nicht in einem Schlagloch das Fahrwerk zu ruinieren. Bei der Stellplatzsuche versuchen wir es bei einem Homestay für Backpacker. Die erweisen sich jedoch als ebenso unflexibel wie wir, wollen keine Camper in ihrem Hof haben, während wir in keinem der Schlafsäle übernachten möchten. Nach längerem hin und her bringen sie uns zu einem bewachten Parkplatz mit Autowaschanlage und Werkstatt. Für die Angestellten dort sind wir anscheinend eine willkommene Abwechslung, sie überhäufen uns mit Fragen und wenn jemand Essen holt, holt er auch etwas für uns, wenn wir gerade da sind. Wir sind also scheinbar in sehr gastfreundliche Hände geraten – scheinbar.

Auf dem Weg ins Stadtzentrum kommen wir am Casting für Georgiens Superstar vorbei. Das Zentrum selbst ist hübsch hergerichtet, besonders ein kleines Viertel, wo sich ein schickes Café ans nächste reiht; über alles blickt die Mutter Georgiens, eine Betonstatue auf einem Hügel. Drumherum sieht es mitunter traurig aus, manche Häuser sind bereits zusammengebrochen, andere neigen sich bereits bedrohlich. Für die Instandsetzung scheint das Geld zu fehlen, es bleibt nur zu hoffen, daß dieses Land trotz der unstabilen Lage etwas auf die Beine kommt. Vor dem Parlamentsgebäude weht immerhin schon die Fahne der EU: ein hochgestecktes Ziel des Landes. Mitten in der Stadt treffen wir sogar deutsche Studenten, die mit einem alten Mercedes unterwegs sind. Die Welt ist klein. Als wir morgens gerade in die Stadt gehen wollen, kommen die Autowäscher mit Bier vorbei. Es wird eine lustige Runde, es geht jedoch auffällig oft um deutsche Gehälter, Visa und Einladungsschreiben. In der Stadt machen wir uns einen ruhigen Tag, testen die neuen Cafés.  Abends regnet es, wir verbringen ihn in einem rustikalen Restaurant mit vielfältigem Publikum. Am Abend fahren wir wieder mit der alten U-Bahn zurück zu unserem „Campingplatz“ an der Waschanlage. Das Preisniveau der kommunistischen Zeit hat sich wenigstens in der U-Bahn erhalten, die Bahnhöfe werden von Plastiken verziert und sind tiptop in Ordnung.

Am Wohnwagen bekommen wir wieder Besuch. Diesmal bringt er hausgemachten Wein mit, besteht darauf mit uns zu trinken und will sich wieder über Visa unterhalten. Eigentlich habe ich weder Lust auf einen Rausch, noch auf ein einfältiges Gespräch und verabschiede mich, als er mir die zweite Flasche aufdrängen möchte.

Am Morgen unserer Abreise sind die Männer noch nett, wollen mir beim Ankuppeln des Anhängers helfen, indem sie ihn trotz heruntergekurbelter Stützen und angezogener Bremse auf die Kupplung ziehen wollen. Als ich anfange, eine Stütze hochzudrehen wollen sie mich davon abhalten, denn der Wagen könnte ja umkippen. Schon interessant, wer alles Jobs mit Autos ausübt, wären alle so dämlich wie diese Männer, wäre wohl die Handbremse eine durchaus effektive Diebstahlssicherung. Als ich den Motor anlasse, kommen alle aufgeregt angelaufen, fordern mit mitleiderregenden Mienen Geld, obwohl ich den vereinbarten Preis längst gezahlt habe. Die Summe ändert sich ständig und schwankt zwischen 10 und 40 Euro. Wir holen die Hostelbesitzerin, die uns gebeten hatte, sie beim kleinsten Problem sofort zu informieren. Ich erkläre mich bereit noch 5 Euro zu zahlen, jedoch erst, wenn ich das Gelände verlassen habe und stelle das Gespann so hin, daß ich gleich losfahren könnte und blockiere dabei bewußt den Autowaschplatz. Alle reden durcheinander, am Ende steht einer der Männer mit einem Kundenfahrzeug hinter mir und hupt, während der andere gestikuliert. Meine angebotene 5€ will lustigerweise offensichtlich keiner mehr haben. Wir bedanken uns bei der Hostelbesitzerin und fahren los, schon bald haben wir die chaotische Stadt hinter uns und erklimmen die Berge.

Die georgische Heeresstraße führt von Tiflis aus durch die Berge ins russische Vladikavkaz. Offensichtlich ist die Grenze sogar mal geöffnet, denn wir sehen an diesem Tag eine handvoll russischer Autos. Heutzutage hat die Straße jedoch in erster Linie touristische Bedeutung. Sie führt in Georgiens meistbesuchte Ski- und Bergsteigegebiete; viele Leute, wie auch wir, kommen auch um einfach die Landschaft von der Straße aus zu bestaunen. Warum auch immer man sie unter die Räder nimmt: Die Fahrt lohnt sich! Erst führt die Strecke einige Zeit an einem Fluß entlang, den ich erstmal für ein ausgiebiges Bad nutze. Im Wohnwagen kann man sich zwar waschen wie anno dazumal, als Badezimmer in den Wohnungen noch nicht selbstverständlich waren, doch ein Bad oder eine Dusche ersetzt das natürlich nicht.

  Gehaltvoller Bach

Später steigt die Straße über Serpentinen stark an. Wir halten immer wieder an, um die phänomenale Aussicht auf die sattgrüne Berglandschaft zu genießen. Zwischendurch ist die Strecke unasphaltiert, aber immer noch gut befahrbar, bis vor Kazbegi wieder eine gute Asphaltstraße beginnt. Der Ort selbst ist eher weniger ansprechend und die Verkäuferinnen in den kleinen Läden wirken als wären sie in Trance. Dazu nervt uns noch mehrfach ein Mann mit seinem Lada Niva, der uns gern irgendwo hinfahren möchte. Er fährt sogar unserem Auto hinterher, um uns beim nächsten Halt wieder zu behelligen. Landschaftlich ist es herrlich und wir finden einen schönen Platz auf einer Wiese außerhalb der Stadt. Nachts zieht ein heftiges Gewitter über die Gegend, der Blick aus dem Fenster bringt etwas wie Weltuntergangsstimmung.

Stepatsminda oder Kazbegi Richtung Rußland

Für uns wäre spätestens am Darielpaß, dem Grenzübergang nach Rußland, Schluß. Es ist jedoch überhaupt nicht schlimm, die schöne Strecke noch einmal zu fahren. Zur anderen Tageszeit mit anderen Wetterverhältnissen erscheint die Strecke auch buchstäblich in anderem Licht. Auf dem unasphaltierten Stück werden wir von begeistert aussehenden Touristen aus einem Geländewagen fotografiert; ein deutsches Auto mit echten deutschen Insassen und einem DDR Wohnwagen sieht man hier eben selten. Vielleicht erinnern die Fotografen sich ja gerade an ihren lang vergangenen Ostseeurlaub mit so einem Plastehäuschen am Trabant.
In Tiflis entscheiden wir uns durch die Stadt zu fahren, um einmal wieder ordentlich einkaufen zu können. Als wir uns durch den unangenehmen Stadtverkehr durchgequält haben, halten wir immer noch vergeblich nach einem Einkaufszentrum Ausschau. Stattdessen hätte es viele Gelegenheiten gegeben, Möbel oder einen fabrikneuen Oberklassewagen zu kaufen. Hätten wir doch bloß die Umgehungsstraße genommen! In Grenznähe ebbt der halsbrecherische Verkehr zum Glück ab und am späten Nachmittag erreichen wir den Grenzposten, wo wir uns wieder trennen müssen. Die georgische Abfertigung ist sehr unkompliziert, ich muß jede Tür kurz öffnen, werde nach Papieren gefragt, die ich bei der Einreise jedoch nicht bekommen habe und muß abwarten, bis die Stromversorgung der Computer wieder funktioniert. Danach parke ich neben einigen anderen Männern, die alle auf ihre Frauen warten. An der Fußgängerabfertigung scheint ein kleines Chaos ausgebrochen.

Auf armenischer Seite stehen alle Autos in einer Reihe auf der einzigen Spur, deren Insassen in einer Traube um den Paßkontrollschalter. Ein Grenzer holt mich aus der Gruppe der Wartenden heraus, ich soll mein Auto in einer Ecke parken und mich erstmal um die Visa kümmern. Gesagt getan – wir füllen die Anträge aus und bekommen zum Schnäppchenpreis von 10 Dollar pro Person die Visa in den Paß geklebt, die Quittung lautet jedoch nur auf 3000 Dram – der überschüssige Betrag ist wohl Trinkgeld, doch ist dies immernoch besser, als zurück nach Georgien zur Bank geschickt zu werden oder bei irgendwem schwarz tauschen zu müssen. An der Paßkontrolle kommen wir nun gleich dran und fahren weiter zum Zoll. Ein junger Zöllner, der sehr gut Englisch spricht, kümmert sich um uns. Er wirft einen genauen Blick auf unsere Sachen und möchte von mir genau erklärt haben, was wir dabei haben. Vorsichtshalber gebe ich den Laptop an. Der junge Mann meint nur, dies sei kein Problem, denn ein Laptop sei ja nicht verboten. Er behält meinen Paß und die Fahrzeugpapiere und ich soll auf dem Hof parken. Dort stehen schon ein paar dutzend Autos aus aller Herren Länder, daneben noch sichtlich genervte türkische Busfahrer. Der Zöllner unterhält sich offensichtlich mit Vorgesetzten, kontrolliert dann noch mal das Auto und begleitet uns zur Fahrzeugregistrierung. Dort erfahren wir den Grund seiner Gespräche: Man ist sich unsicher, wie der Wohnwagen zu deklarieren ist. Er sorgt dafür, daß wir sofort an die Reihe kommen und übersetzt beim Eingeben der Fahrzeugdaten in die Zollcomputer. Unser Freund und Helfer sorgt dafür, daß auch der Anhänger in die Zolldokumente eingetragen wird, damit es bei der Ausreise keine Probleme gibt. Zwischendurch muß ich noch gut 40 Euro an einem Bankschalter einzahlen und bekomme das Einfuhrdokument für 15 Tage. Es ist das erste Mal, daß wir an einer Grenze bevorzugt abgefertigt wurden – und das sogar kostenlos, naja, jedenfalls ohne zusätzliche Kosten. Der Grenzer wünscht gute Reise und wir bedanken uns bei ihm. Kurz hinter der Grenze lassen wir uns in der Nähe des berühmten Haghphat Klosters nieder. Am nächsten Morgen, wir sind gerade wach geworden, klopfen die vier deutschen Mercedesfahrer aus Tiflis an unsere Tür. Sie sind gerade nach einem Abstecher nach Armenien auf dem Rückweg nach Georgien. Obwohl wir direkt an einer kleinen Straße stehen und auch sonst nie darauf geachtet haben, daß unsere Nachtplätze uneinsehbar sind, ist es das erste Mal, daß jemand zu Besuch kommt.

Haghphat Blick hinab

Das Kloster ist leidlich gut erhalten, es bleibt nur zu hoffen, daß die finanziellen Hilfen „mit Grüßen vom amerikanischen Volk“ nicht versiegen. Es hätte sich bereits wegen der herrlichen Aussicht gelohnt, die schmale Serpentinenstraße hochzufahren.

Ort in der Debedschlucht Vanadzor

Die Fahrt geht nun weiter durch die Debedschlucht. Dem Panorama stehen leider verfallene Industrieanlagen gegenüber. Es ist eine alte Kupferminengegend, die jedoch längst aufgegeben ist. Wer Spaß am Entdecken verlassener Plätze hat, könnte hier sehr viel Freude haben. In den Orten siehe es nicht besser aus, die Gegend ist ärmlich. Bei trübem Wetter geht es weiter nach Vanadzor. Die Stadt hat viel sowjetische Architektur und etwas Leben zu bieten. Wir essen in einem Fastfood Restaurant, das eindeutig einer amerikanischen Kette nachempfunden wurde, jedoch ein wesentlich vielfältigeres und geschmacksintensiveres Angebot hat.

Die Straße nach Jerewan führt über einen der vielen Bergpässe Armeniens. Das satte Grün wird durch eine weite, gelbliche Graslandschaft abgelöst und das Wetter wird schlagartig besser. Von unserem Nachtplatz aus haben wir Aussicht auf nahe Berge und können in der Ferne schon die Umrisse des Ararat sehen. Nach Sonnenuntergang taucht der Vollmond die weitläufige Gegend in ein fahles Licht, in der Ferne leuchten schon die Lichter von Jerewan.

Eine Autobahn mit tückischen Schlaglöchern führt nach Jerewan hinein, dort finden wir schnell die Tourist Information, wo die netten Angestellten vergeblich versuchen, einen Stellplatz für uns zu finden. An Reisende mit dem Wohnwagen ist man hier nicht gewöhnt und die Guesthousebesitzer möchten ihre Zimmer vermieten, und niemanden, der in ihrem Hof schläft. So lassen wir uns hinter einer Tankstelle am Jerewansee nieder, die Botschaft der USA in Sichtweite, direkt am Ufer liegt das Gerippe einer alten Straßenbahn im Wasser, daneben wird tags geangelt. Ein skurriles Bild. Die Stadt läßt sich ganz gut mit dem Auto erkunden, der Verkehr sieht zwar chaotisch aus, doch sind die meisten Fahrer erstaunlich gelassen. Die durchweg heilen Bürgersteige, die entspannten Leute und vor allem die Sauberkeit sind ein Kontrastprogramm zu Nachbarland Georgien und dessen Hauptstadt.

Einer der ersten Wege führt zur Vertretung von Bergkarabach, wo wir noch zwei Engländer treffen, die sich von einem Taxifahrer Armenien zeigen lassen. Bei der späteren Abholung der Visa liegen nur unsere vier Reisepässe auf dem Schreibtisch der Konsularbeamtin. Die Visa sind von so schlechter Qualität, daß auf den Aufklebern genausogut „Atomkraft Nein Danke“ stehen könnte.
In Jerewan sehen wir uns noch die Erebuni Festung an, die für den Laien eher als Aussichtspunkt taugt. Die fleißig grabenden Archäologen sehen es wohl anders. Die restliche Zeit gehen wir spazieren und tafeln uns durch Cafés und kleine Restaurants. Auch wenn es nicht viele touristische Sehenswürdigkeiten gibt, die Stadt ist schön und ideal zum Treibenlassen. Besonders abends sind die Cafés und Fußgängerzonen voll. Eine künstliche neue Fußgängerzone hat eine regelrechte Schneise in das Stadtbild gerissen. Die meisten Gebäude sind noch nicht einmal bezogen, doch die Farbe bröckelt teilweise schon. Ein letzter alter Wohnblock steht noch – aus dem Fenstern hängen bereits S.O.S. Fahnen. Der Bau der repräsentativen Meile ist also offensichtlich noch nicht abgeschlossen.

Die "Schneise"  

Nach zwei Nächten verlassen wir unseren Platz am See und fahren in Richtung Süden. Die Straße führt durch flaches Land direkt an der türkischen Grenze entlang. Aus dieser Ebene erhebt sich übergangslos der Ararat, das Wahrzeichen Armeniens, das heutzutage auf türkischem Gebiet liegt. Trotz der schlechten Sicht gibt der Ararat ein beeindruckendes Bild ab.

Im Ort Yeraskh fahre ich von der Hauptstraße ab und wir stoßen nach einigen hundert Metern auf die Grenze zur aserbaidschanischen Exklave Nachitschevan. Die Grenze ist abgeriegelt und die Straße endet in einer Kfz Sperranlage, drumherum sind Schützengräben und grüne Büsche, die hier etwas deplaziert wirken.  Der Grenzort selbst ist schmutzig und teilweise am verfallen – ganz anders als die meisten armenischen Orte. Weiter geht es durch eine steinige Berggegend über mehrere Pässe. Später, in der Gegend um Sisian dominiert wieder grün. Es ist einfach unglaublich, was für eine landschaftliche Vielfalt in diesem kleinen Land steckt.

Sisian  

Sisian ist eine nette Kleinstadt, nicht mehr und nicht weniger. Wie schon in Jerewan wird es abends extrem windig, die Nacht in der Höhenlage ist ziemlich kalt.

Wir fahren zügig in Richtung Grenze, für eine Stadtbesichtigung ist Goris ist es uns noch zu früh, die Straße wird zusehends schlechter. Bei einem Stop hält ein Auto, es ist ein ARD Journalist mit Fahrer und Übersetzerin. Kurz darauf erreichen wir die Grenze, ein Stück weiter liegt der karabacher Grenzposten. Dort werden kurz unsere Daten notiert und wir dürfen ohne Zollkontrolle und Fahrzeugsichtung weiterfahren. Seit der Grenze ist die Straße hervorragend. Sie ist zwar nicht breiter als eine deutsche Kreisstraße, doch ist der Asphalt sehr gut, dafür funktionieren unsere Handys nicht mehr. Die Karabakh Telecom, die hier ein Netz betreibt, kooperiert mit keinem ausländischen Anbieter, einzig die einheimischen Simkarten funktionieren. Hin und wieder stehen Schilder an der Straße, daß deren Bau mit der Unterstützung der All-Armenian-Foundation gebaut wurde. In diese Stiftung zahlen überwiegend im Ausland lebende Armenier ein. An zügiges Fahren ist dennoch nicht zu denken, denn die Strecke führt durch eine zerklüftete Berglandschaft und ist wahnsinnig kurvig.

Wir befinden uns nun in einem Gebiet, mit ungeklärtem Status. Karabach hat sich zwar als eigene Republik für unabhängig erklärt, doch wird das Gebiet dieses jungen Staates weiterhin von Aserbaidschan beansprucht und gehört völkerrechtlich auch noch dazu, obgleich es vom Rest des Landes durch die alte Frontlinie, an der auch heutzutage noch gelegentlich geschossen wird, abgetrennt. Verkompliziert wird die Sache noch dadurch, daß das Land derart eng mit Armenien zusammenarbeitet, daß man es für ein Teil davon halten könnte. Man zahlt mit armenischem Geld, die Autokennzeichen sind gleich, die Sprache sowieso. Dazu läuft das armenische Visum auch beim Besuch von Karabach weiter, als hätte man das Land nie verlassen. Erreichbar ist Karabach nur über diese eine Straße, die es natürlich mit Armenien verbindet. Trotz alledem wurde die Republik Bergkarabach noch von keinem Staat der Welt, nicht einmal von Armenien offiziell anerkannt. Man sollte unbedingt vermeiden, bei dem Besuch in ernsthafte Schwierigkeiten zu kommen, denn konsularische Hilfe gibt es hier nicht.

Nach einem kleinen Blick auf den Ort Shushi geht es weiter nach Stepanakert, der Hauptstadt Karabachs. Die Suche nach einem Übernachtungsplatz ist in der Umgebung gar nicht so einfach, denn fast alle Flächen sind bewirtschaftet.

  Nationalmonument Karabachs

Stepanakert ist eine gepflegte, angenehme Kleinstadt, einige Verwaltungsgebäude erinnern daran, daß dies die Hauptstadt der Republik Bergkarabachs ist. Vielleicht gibt es ja in ferner Zukunft auch mal ein Botschaftsviertel, wie in allen anderen Hauptstädten auch. Gebaut wird jedenfalls immernoch, es entsteht gerade ein Stadion.

Während wir es uns in einem Café gutgehen lassen, überlegen wir, ob wir einen Besuch an der Frontlinie oder in der Geisterstadt Agdam riskieren wollen. Agdam wurde 1993 während des Armenisch-Aserbaidschanischen Krieges von der armenischen Armee fast vollständig zerstört und besetzt, sie liegt nicht auf dem historischen Gebiet Karabachs, dessen Grenzen durch die Frontlinie provisorisch neu gezogen wurden, direkt östlich der Stadt verläuft die Frontlinie. Obwohl die Stadt im Lonely Planet als eines der Highlights von Karabach angepriesen wird, ist ein Besuch dort zumindest für Touristen verboten. Angeblich ist es nur für ein fürstliches Trinkgeld mit dem Taxi möglich, weiterhin haben wir von einem Checkpoint gelesen, an dem wir ohnehin zurückgeschickt würden. Die vielen privaten Aufnahmen, die man von der Stadt im Internet findet, sprechen jedenfalls dafür, daß es nicht sonderlich brisant sein kann.

Mayraberd - die Straße geht mittendurch Richtung Osten wird es schlagartig flach

Am Nachmittag nehmen wir also die Straße in Richtung Osten unter die Räder, vorbei an den historischen Ruinen von Mayraberd geht es von der bergigen Landschaft um Stepanakert in eine weitläufige Ebene. Je weiter östlich wir kommen, desto schlechter wird der Asphalt, doch die Straßenbauarbeiten sind schon in vollem Gange. Immer wieder stehen kleine Ruinen nahe der Straße, bis schließlich Agdam in Sichtweite rückt. An einer Kreuzung biegen wir von der Ost-West Straße ab und kommen an einem großen Militärlager vorbei. Wir fahren wie selbstverständlich weiter, die Soldaten recken ihre Hälse nach uns, aber auch nicht mehr als das. Wenig später taucht im Rückspiegel ein Militärfahrzeug auf, wir fahren immer weiter geradeaus, in die Richtung, in der nach unserem GPS das Stadtzentrum von Agdam liegen soll. An einer Kreuzung biegt der Militärlastwagen ab und wir sind wieder unbehelligt, kurz darauf stehen wir fast direkt vor der Moschee von Agdam, eines der sehr wenigen erhaltenen Bauwerke der Stadt und sind damit mitten im Zentrum angekommen. Wir könnten nun auf eines der Minarette steigen und von dort eine Aufnahme der Stadt machen, doch wollen wir unser Glück nicht zu sehr herausfordern und kehren um. Erstaunlicherweise ist man auch in dieser Geisterstadt nicht ganz allein. Hirten lassen ihr Vieh zwischen den Ruinen grasen und es haben sich auch wieder Leute häuslich eingerichtet, wenn es auch nur sehr wenige sind. Möglicherweise sammeln sie Baumaterial aus den Ruinen. Der Besuch in Adam ist ein unbeschreibliches Erlebnis, die absolute Ruhe und die still daliegenden Ruinen vermitteln das Gefühl einer gespenstischen Ruhe. Stille kann einen merkwürdigen Klang haben. Wenig später kommen wir auch gefühlstechnisch wieder in der Realität an – als wir wieder am Militärstützpunkt vorbeikommen, setzt sich gerade ein Konvoi mit schwerem Kriegsgerät in Bewegung. Um uns kümmert sich zum Glück wieder niemand.

Agdam - Östlichster Ort der Reise  

Auf dem Rückweg begegnet uns ein Taxi mit langhaarigen, europäisch aussehenden Insassen, wenig später kommt uns ein Opel entgegen, der ohne Rücksicht auf Verluste über die schlechte Straße rast, kurz darauf folgt ein Polizeiwagen mit Blaulicht.

Am Straßenrand liegt ein muslimischer Friedhof, der offensichtlich schon lang nicht mehr gepflegt wurde, zwischen den Steinen grast teilweise das Vieh. Möglicherweise wohnen die Angehörigen der Toten jenseits der Frontlinie. Es ist schon bemerkenswert, daß sowohl dieser Friedhof, alsauch die Moschee von Agdam von den christlichen Armeniern nicht gesprengt wurden. Uns reicht es für dieses Tag und wir fahren zurück zu unserem Wohnwagen, der nun inmitten von Kühen steht, die gerade zurück ins Dorf getrieben werden und an der Wasserstelle, die direkt nebenan liegt, noch ihren Durst stillen. An Tiere sind wir ja mittlerweile gewöhnt, nicht jedoch an Leute wie den Bauern, der uns kurz darauf beehrt. Eigentlich möchte er wohl nett sein, redet sehr undeutliches Russisch, sodaß ich absolut kein Wort verstehe, dabei riecht er verdächtig und fragt immer wieder nach Zigaretten, während ich ihm immer wieder sage, daß ich nicht rauche. Andere Bauern grinsen aus der Distanz herüber. In einem Lachanfall zieht er sich den Schuh aus, holt etwas heraus und hält es mir unter die Nase, ein Beutel Haschisch! Andere bekommen im Rausch Heißhunger, dieser Mann lallt lieber Russisch. Erst als Stefanie in den Wohnwagen geht und ich unsere Stühle ins Auto packe, geht es los – in die Stadt, wie er noch erstaunlich deutlich sagt.

Gandzasar  

Nach einer ruhigen Nacht machen wir uns auf dem Weg zu heilen Sehenswürdigkeiten Karabachs. Über den „Nord-Süd-Highway“ fahren wir in Richtung des Klosters Gandzasar, den Wohnwagen lassen wir an unserem Nachtplatz zurück. Obwohl es nur wenige Kilometer westlich von Agdam liegt, fahren wir nicht über flaches Land, sondern durch eine tiefgrüne Berggegend, zum Kloster führt später eine kleine, steile Serpentinenstraße. Die Fahrt hat sich gelohnt, das Kloster ist ein kleines Schmuckstück und von oben hat man eine herrliche Aussicht. Auf dem Weg zurück zur Hauptstraße, der wir weiter gen Norden folgen wollen, steht plötzlich ein Anhalter mit Reiserucksack. Alfredo kommt aus Spanien und reist ohne Zeitlimit. Unser Plan für den Tag gefällt ihm und er steigt zu. Schon nach kurzer Zeit erreichen wir den See, der auf der Karte eingezeichnet ist. Für den Reisenden ist hier Schluß, nördlich beginnt eine wilde Gegend, die an der nördlichen Frontlinie endet. Von hier nehmen wir eine Straße, die nicht von einer Stiftung erneuert wurde, so quälen wir uns durch tiefe, riesige Löcher, schneller als Schritt kann ich fast nie fahren. Andere Fahrzeuge begegnen uns nur selten, auch Ortschaften scheint es kaum zu geben. Am Straßenrand sehen wir wieder die Markierungssteine des „Halo Trust“, der die Gegend von Minen gesäubert hat. Die größte Gefahr für den Reisenden ist also schon gebannt.

 Nach endlosen Kilometern erreichen wir Martakert, die Stadt liegt direkt am Fuße der Berge, östlich von ihr beginnt wieder die Ebene, die sich in Richtung Aserbaidschan erstreckt. Der Ort erscheint weniger interessant, außerdem ist es schon spät am Tag, wir wissen nichts über die Straße nach Stepanakert und möchten dort gern noch vor Einbruch der Dunkelheit ankommen. Vorher möchten wir jedoch noch ohne störende Häuser einen Blick in die weite Landschaft werfen, wofür wir eine Straße nehmen, die nach Osten und damit auch in Richtung der Front führt. Kaum haben wir uns versehen, hält uns schon die Polizei an. Die verlangten Papiere stecken die Beamten nur ein, wir folgen ihnen in der Erwartung, daß sie uns zur Hauptstraße zurücklotsen, doch die Fahrt führt zum Revier. Die Polizisten, die draußen herumstehen, wirken verwundert. Ich soll noch das Auto ordentlich parken, dann werden wir zu einem höheren Beamten gebracht – jedenfalls hat er ein eigenes, dezent möbliertes Büro und seine obere Zahnreihe besteht rechts exakt bis zur Mitte aus Goldzähnen. Das ganze wirkt wie eine Szene aus einem schlechten Film. Er sichtet unsere Papiere, tut so, als könne er sie lesen und fragt dann, wo wir herkommen. Alfredo versucht mit ein paar Worten Armenisch, die ihm Dorfbewohner beigebracht hatten, herauszufinden, wo das Problem sein soll. Der Kommissar fragt auf Russisch nach unserer Kamera und sieht sich die Bilder des Tages an, alle anderen Aufnahmen sind bereits auf dem Laptop. Wenig später kommt eine Englischlehrerin, die erstmal unsere Namen ins Armenische übersetzt. Als nächstes wird Alfredos Reiseerlaubnis beanstandet, da Martakert nicht auf ihr vermerkt ist. Uns wird das Theater langsam zu bunt und wir bitten um eine Begründung für die Verhaftung. Angeblich sind wir nicht verhaftet. Ich schlage energisch vor, daß wir gehen, stehe auf und stoße den Stuhl weg. „Nein! Sie sollen hierbleiben!“ „Wo ist also das Problem?“ erwidere ich. „Es gibt kein Problem“. „Dann können wir ja gehen“ „Nein, noch nicht“. So dreht sich das Gespräch im Kreis. Wir merken an, daß es illegal ist, jemanden ohne Grund festzunehmen. Die Lehrerin scheint es sogar zu übersetzen, denn es wird nochmals bekräftigt, daß dies keine Festnahme sei. Nochmals fragt er nach unserer Kamera, die sich noch sein Vorgesetzter ansehen muß, ob wir noch mehr Kameras haben und ob wir im Besitz von Fotos von Agdam oder der Frontlinie sind. Nun wissen wir wenigstens, was man von uns will. Vielleicht sollte den Experten mal jemand die Google Bildersuche zeigen, dann würden sie schnell begreifen, wie sinnlos das Fotografierverbot entlang der Front ist – beziehungsweise, daß es schon zu einem Teil des Reisevergnügens vieler Leute geworden ist, dagegen zu verstoßen. In unserer Situation bringt das natürlich nichts und wir hoffen, daß er nicht das Auto durchsucht, wobei er zwangsläufig den Laptop finden würde. Auf die Idee kommt er glücklicherweise nicht. Während die Fotos beim Chef sind, der wahrscheinlich ein komplettes Goldgebiß und zwei kaum möblierte Büros hat, bedienen wir uns an seiner Pralinenschachtel. Er kann einem Leid tun, denn sie schmecken wie Kuvertüre. Als er zurückkommt möchte er den guten Kumpel mimen und wir werden entlassen. Draußen unterhalten wir uns noch etwas mit der Lehrerin und ihrem Mann, der deutschen Fußball mag und sie gemeinsam mit ihren beiden Kindern abholt und bedanken uns bei ihr.

Zügig fahren wir vom Hof, ob es nun eine Routinekontrolle war, ob es an unserem Schlenker auf die falsche Straße lag oder ob an diesem Tag ein grüner Mercedes aus Deutschland auf der Fahndungsliste stand, der tags zuvor in Agdam gesichtet wurde, werden wir nicht erfahren. Im Internet ist jedenfalls zu lesen, daß wir nicht die ersten sind, die in die Fänge der Polizei von Martakert geraten sind, auch für die Englischlehrerin war es nicht der erste Einsatz als Übersetzerin.

Der Weg nach Stepanakert ist nicht weit, die Straße ist leider noch nicht erneuert, aber immerhin ist sie asphaltiert, wenn auch löchrig. Die Strecke führt wieder durch Gebiete außerhalb der eigentlichen Grenzen Karabachs, immer wieder tauchen entlang der Straße völlig zerstörte Dörfer auf, des Öfteren begegnen uns Militärtransporte. Die Straße endet direkt an der Kreuzung, an der wir tags zuvor nach Agdam abgebogen waren. Wir schaffen es sogar noch im Hellen nach Stepanakert, wo wir nur noch Zutaten fürs Abendessen kaufen, Alfredo baut sein Zelt bei uns in der Nähe auf. Es war wieder ein sehr ereignisreicher Tag.

Rückfahrt nach Armenien Dieser Wegweise weist unter anderem noch nach Nachitschewan

Während Alfredo noch etwas in Karabach bleiben möchte, machen wir uns auf den Rückweg nach Armenien. Der kleine „Highway“ zurück nach Goris ist wieder angenehm zu fahren. Nach vielen tausend Kilometern Geholper weiß man glatten Asphalt umso mehr zu schätzen. An der Kontrollstelle werden wir wieder aufgeschrieben und unsere „Accreditation Card“ wird einbehalten. Wenige Kilometer später holpern wir wieder über armenische Straßen. Diesmal wollen wir uns auch die Stadt Goris ansehen, die wir auf dem Hinweg ausgelassen hatten. Der Reiseführer beschreibt sie zwar als hübsch und interessant, doch können wir diesem Loch beim besten Willen nichts abgewinnen. Viel schöner ist der Blick über die ganze Stadt von einer Tankstelle mit Aussichtspunkt an der Straße Richtung Jerewan, an der wir schon auf dem Hinweg aufgefüllt hatten. Die Tankwarte erinnern sich noch an uns.

Goris  

Weiter holpern wir über diese kleine Hauptverbindungsachse Armeniens und überqueren nach einer Nacht an einem wahnsinnig kalten Bach den Vayots Dzor Paß, der mit über 2400m zu den höheren gehört. Wie immer ist das Schönste an so einer Fahrt die Veränderung des Landschaftsbildes mit zunehmender Höhe, dazu noch die Aussicht, die nur durch ein paar Regenwolken getrübt wird. Oben fahren wir noch über eine Hochebene, wo Bauern ein kärgliches Leben führen. Der Abstieg ist eher moderat, denn der Sevan See, der nun nicht mehr weit ist, liegt immerhin auf 1300m Höhe. Der Sommer und damit auch die Urlaubssaison sind hier kurz, dennoch ist er das beliebteste Ziel der Jerewaner. Er bietet etwas Erfrischung von der stickig-heißen Großstadt, das Klima ist hier schon deutlich kühler als in der Hauptstadt, und liegt nicht einmal eine Autostunde entfernt. Die Entfernung ist kurz, doch ist die Fahrt fast eine komplette West-Ost Durchquerung Armeniens. Während Jerewan nahe der türkischen Grenze liegt, ist die Grenze zu Aserbaidschan von der Ostseite des Sevan Sees nur noch einen Steinwurf entfernt.

Weg zum Sevan See  

Intensive Tourismuswirtschaft scheint es dennoch wenig zu geben. Die meisten Einrichtungen sind sehr klein, mancherorts stehen ein paar Hütten zur Vermietung bereit oder es wird Platz zum Camping angeboten. Die alten Hochhäuser, die wohl früher Gäste aus der gesamten Sowjetunion beherbergten, sind fast alle am verfallen und stehen als graue Schandflecke am Seeufer. Vielleicht sind diese Gebäude auch dem steigenden Wasserspiegel des Sees zum Opfer gefallen und haben nun unfreiwillig ein Schwimmbad im Keller. Der Ort Sevan ist schäbig und scheint für die Gäste höchstens ein Durchgangsort zu sein.

Wir finden einen schönen Platz an der Ostseite – es gibt eine Toilette, ein gemauertes Häuschen, Picknickbänke und eine leidlich gute Zufahrt. Zu sehen ist niemand und wir genießen den ruhigen Fleck. Zum Glück wird auch das Wetter besser, was die Erholung perfekt macht. Am zweiten Tag machen wir noch einen Ausflug nach Diljan, einem netten Bergstädtchen an der Seidenstraße mit Sanatorien und alten Häuschen.  Wäre Armenien nicht so verdammt weit weg, würden wir ab sofort sicher öfter hinfahren.

Die Autobahn nach Jerewan macht die Strecke wirklich zu einem Katzensprung und ich muß mich immerwieder beherrschen, mich wenigstens an der Höchstgeschwindigkeit zu orientieren. Anders als auf Landstraßen, wo man rechtzeitig vor jeder Kontrolle per Lichthupe gewarnt wird, ist dies auf der Autobahn nicht möglich. In Jerewan müssen mir noch einmal mitten durchs Stadtzentrum fahren und kommen auch noch mal an unserem alten Zuhause am Jerewansee vorbei. Weiter geht es in Richtung Norden, durch nette Landschaft bis nach Gyumri. Der Stadt konnte es schlechter kaum ergehen – kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde sie auch noch von einem Erdbeben heimgesucht, das schlimme Schäden anrichtete. Diese sind auch heute noch unübersehbar. Nichtsdestotrotz ist die Stadt schön und die Straßen sind voll, wir flanieren mit, sehen gar nicht ein uns die Abendstimmung entgehen zu lassen und übernachten nach dem Kneipenbesuch einfach in einer Seitenstraße.

Autobahn nach Jerewan Gyumri
Gyumri  

Ein Stück nördlich von Gyumri steht man schon an der georgische Grenze. Trotz der jüngsten Annäherungen zwischen Armenien und der Türkei ist die gemeinsame Grenze immer noch geschlossen und der Umweg über Georgien oder den Iran nötig. Da wir weder iranische Visa, noch ein Carnet de Passages für das Auto besitzen, bleibt uns nur Georgien. An dem Grenzübergang ist gerade eine Delegation der US-Botschaft zugegen. Das Witzige daran ist, daß die lustige Gruppe das Klischee vom Durchschnittsamerikaner voll und ganz trifft. Einer der Männer hat einen riesigen Oberlippenbart und einen Cowboyhut, die Frauen haben fette Hinterteile, schlecht sitzende Hosenanzüge und dazu Sportschuhe. Alle gemeinsam sehen aus, als würden sie sich schrecklich langweilen.

Die Grenzprozedur wird durch Computerprobleme etwas in die Länge gezogen. Ich kann meine passend abgezählten 12€ für die „Schließung“ der Autopapiere erst einzahlen, wenn das System des kleinen Bankschalters, der in einer Kabine mit Bett und Fernseher untergebracht ist, wieder funktioniert. Die Paßkontrolle ist dann schnell erledigt.

Auf georgischer Seite heißt es erstmal Schlangestehen, um auf das Abfertigungsgelände zu kommen. Mit Sorge betrachte ich den tiefen Graben, der wohl mal zur Desinfektion der Räder angelegt wurde. Als vor uns ein offensichtlich höhergelegter alter Lada aufsitzt, einige ich mich mit dem Soldaten darauf, daß ich die Gegenspur benutzen darf. Ich muß jedoch mit dem Anhänger rückwärts in die Röntgenanlage fahren, die direkt hinter dem ersten Tor angebracht ist. Im Grenzhaus geht die Abfertigung zügig vonstatten. Zum ersten Mal werden die Fahrzeugpapiere beanstandet. Irgendjemand hatte die glorreiche Idee, bei der Umschreibung auf die EU-Fahrzeugpapiere, die Herstellerbezeichnung von Mercedes-Benz in Daimlerchrysler zu ändern. Zum Glück beharrt der Mann nicht darauf, daß ja vor der Tür ein Mercedes und kein Chrysler steht. Der Herr über den Einreisestempel hat offensichtlich Schwierigkeiten mit der Eintragung des Anhängers – er schreibt einfach das ab, was seine Kollegen bei der ersten Einreise eingetragen haben. Nach den Formalitäten dürfen wir ohne Fahrzeugkontrolle fahren.

Die ersten georgischen Orte sind etwas schäbig, die Straße nur geschottert. Weiter geht es durch abwechslungsreiche Landschaft, teilweise führt die Straße durch eine Schlucht, nach Achaldzike. Die Straße ist mit Unterbrechungen durch Baustellen gut, was will man mehr?

Da wir keine Pläne mehr in Georgien haben und es noch nicht spät ist, fahren wir gleich weiter zum türkischen Grenzübergang bei Vale und Posof. Im Vorfeld der Reise wurde mir von diesem Übergang abgeraten. Die Straße sei katastrophal und die Abzocke durch die Grenzer dort alltäglich. Leider ist ersteres eine der wenigen richtigen Reiseinformationen, denn kurz hinter Vale hat die Straße diese Bezeichnung nicht mehr verdient. Teilweise fehlt der Asphalt komplett und die Lastwagen haben tiefe Spuren in den Dreck gefräst. Erschwerend kommen die Steigungen hinzu, die ich ohne zu halten meistern muß – auf dem Geröll wäre Anfahren mit dem Anhänger wohl unmöglich.

Grenübergang Vale - Posof "Versetzt" zu den Spurrillen zu fahren bringt hier auch nichts mehr...

Zum Glück sind es nur noch wenige Kilometer zur Grenze. Dort ist wenig los. In einer Halle verschwindet ein Grenzer mit den Papieren, kommt dann wieder, guck mal hier und mal da rein, ein Stück weiter sind die Pässe schnell gestempelt, keine zehn Meter weiter steht schon die erste türkische Baracke. Die Formalitäten ziehen sich ziemlich in die Länge. Es scheint wieder einmal Probleme mit dem Anhänger zu geben, die Männer sind sich offensichtlich nicht einig, wie man ihn in den Computer eingeben soll. Nach langem hin und her schaffen sie es doch, am Tor des Abfertigungsgeländes, wo alle Papiere auf Vollständigkeit überprüft werden, droht die Diskussion erneut zu beginnen. Zum Glück wird es schnell klargestellt und schon rollen wir auf neuem türkischen Asphalt und übernachten noch in Sichtweite des Grenzortes auf einer Wiese.

2540 m Ani - Highway

Von Posof aus führt die Strecke erst durch sattgrüne Landschaft über einen Bergpaß. Unser Ziel ist Ani – die alte armenische Stadt, die heutzutage direkt an der gemeinsamen Grenze auf türkischer Seite liegt. Der Weg dorthin führt über eine neue vierspurige Straße, die man sich nur mit ein paar Eselkarren und Sammeltaxis teilt. Im letzten Dorf vor der Grenze, das direkt neben Ani liegt, endet sie quasi im Nichts. Die Ruinenstadt selbst ist beeindruckend. Es ist erstaunlich, was von dieser alten Stadt noch alles übrig ist. Die Stadt wurde zwischen zwei Schluchten erbaut, was früher eine gute Verteidigungsmöglichkeit war und heute für die Touristen ein noch spannenderes Fotomotiv bringt. Leider wird nicht viel für die Erhaltung der Bauten getan. Jahrhundertealte Malereien fallen den Schmierereien derer zum Opfer, die sich nicht benehmen können und an allem nagt ungestört der Zahn der Zeit. Das einzige, was gerade mit großem Aufwand wieder aufgebaut wird, ist die Moschee.

Ani - im Hintergrund liegt Armenien Rennstrecke gen Westen

Als wir weiterfahren wollen, kommt eine holländische Reisegruppe, für die wir die erste Attraktion des Ortes sind. Mit ihnen kommen auch gleich die Bettelkinder aus ihren Löchern und wir entscheiden, doch lieber nicht auf dem Parkplatz vor Ani unser Mittagessen zu kochen, sondern nach Kars zu fahren. Der Ramadan hat diese nette aber unspektakuläre Stadt zwar auch im Griff, doch finden wir ein Restaurant, in dem es leckeres Essen gibt.

Nach der Nacht an einem Wirtschaftsweg in den Feldern nahe der Stadt kommen wir zu der Erkenntnis, daß es in Ostanatolien wohl nicht viel geben wird – natürlich abgesehen von der herrlichen Landschaft, die den Ganzen Tag an uns vorbeizieht. Dies bestätigt sich in der Stadt Erzurum. Die Stadt scheint eine Islamisten und Militärstadt zu sein, mehr nicht. An jeder Ecke steht eine Moschee im Standarddesign, man sieht kaum eine Frau ohne Kopftuch und am Stadtrand sind viele Militäreinrichtungen. Auch eine Universität gibt es, an der angeblich  überwiegend die studieren, die im Westen des Landes keinen Studienplatz bekommen haben. Auch uns hält hier nichts, doch wollen wir noch die guten Einkaufsmöglichkeiten nutzen. Auf dem Parkplatz ist ein heilloses Chaos. Damit dies auch so bleibt, parkt noch jemand direkt in der Zufahrt. Die Autos, deren Fahrer ihre Denkkapazitäten wohl vorher in der Moschee vollständig verbraucht haben, stauen sich nun von beiden Seiten, es wird geflucht und geschrieen, als der Fahrer des Wagens wiederkommt wollen ihm gleich mehrere an den Kragen. Wir fahren weiter und finden neben einem kleinen See einen tollen Nachtplatz. Weiter geht es durch Ostanatolien, das sich von seiner regnerischen und kalten Seite zeigt. Längst haben wir unsere Schlafsäcke hervorgeholt und nutzen unsere Sommersteppdecken nur noch als zusätzliche Isolierung. Wieder stellen wir uns einfach abseits der Straße an den Rand eines abgeernteten Feldes. Als ich ein paar Sachen aus dem Kofferraum räume, habe ich plötzlich nasse Hände, offensichtlich habe ich den Wasserkanister, als ich ihn mit einem Wasserschlauch befüllt hatte, vergessen, wieder zuzudrehen. Ich räume den Kofferraum komplett leer und trockne ihn so gut wie möglich. Ein Problem ist die triefend nasse Kofferraumabdeckung, die man schlecht wieder so einsetzen kann. Bei dem Wetter wird sie wohl kaum über Nacht von allein trocken. Ich starte den Motor und versuche es mit dem Kühlergebläse. Zum Glück hat der Wagen einen Starrlüfter, der permanent und nicht nur bei Bedarf läuft. Ein idealer Trocknungsventilator. Nach gut zwei Stunden ist alles wieder einigermaßen trocken, die Stimmung ist gerettet. Nachdem wir uns gerade eingeschlafen sind, bekommen wir noch Besuch, Scheinwerfer werden auf unseren Wohnwagen gerichtet, mehrere Leute laufen drum herum und jemand klopft. Vor der Tür steht ein junger Kerl mit Maschinengewehr, der einiges auf Türkisch erzählt. Ich krame unsere Pässe vor, ein älterer Soldat in Ausgehuniform kommt hinzu, guckt kurz in meinen Paß. „Deutschland? Ok ok!“ Und die Jungs ziehen ab ohne sich zu verabschieden. Das war wohl eine der fiesen Militärkontrollen, die den Reisenden das Leben ach so schwer machen.

Amasya

Wir fahren weiter entlang der Hauptroute, sehen uns den Ort Amasya an, ein schöner Ort in den Bergen. Leider ist nun das Zuckerfest, bei dem drei Tage lang das Ende des Ramadan gefeiert wird. Die Familien kommen aus allen Teilen des Landes zusammen und begehen es mit einer Menge Süßigkeiten. Daher auch der Name des Festes. Leider haben fast nur Läden geöffnet, die Zuckerwaren anbieten, für den Reisenden ist dieses Fest daher eher störend. Die während des Ramadan ersehnte Normalität bekommen wir daher noch nicht.
Von unserem Nachtplatz haben wir einen wunderbaren Blick auf Reisfelder.

Safranbolu  

Mit Safranbolu liegt ein weiterer schmucker Ort auf dem Weg. Sogar der UNESCO war die Altstadt eine Auszeichnung wert. Die Gassen aus Häusern im alten Stil sind voller Souvenirläden und Touristen. Ausländer sieht man jedoch kaum. Als wir abfahren, steht auf dem Parkplatz eine holländische Wohnmobilkarawane. Die durchweg älteren Herrschaften haben von der Stadt noch nichts angesehen, dafür sind schon einige Weinflaschen leer. Obwohl es schon spät ist, nehmen wir noch eine kleine Bergkette unter die Räder, geraten dabei in ein Unwetter und rollen um kurz nach 8 zum zweiten Mal auf der Reise in Amasra ein. Dort ist es trocken, ruhig und vor allem ist es seit Tagen endlich einmal wieder angenehm warm. Bevor wir wieder nach Europa aufbrechen, entspannen wir noch etwas an dem schönen Platz am Busbahnhof und den Gassen der Stadt.

Von Amasra aus fahren wir den direkten Weg gen Westen. In einer Kleinstadt lasse ich noch an einer großen Tankstelle einen Ölwechsel machen. Bis zur Autobahn geht die Fahrt durch angenehme Gegend. Kurz vor der Autobahn essen wir an einem Rastplatz. Als wir drinsitzen, fängt ein Mann an, mein Auto zu waschen. Nun bin ich ohnehin schon kein Freund ungebetener Dienstleistungen. Da diese hier noch darin besteht, trotz geöffnetem Seitenfenster mit Schlauch und Bürste Muster in den Dreck zu kratzen, könnte ich den Kerl schlachten!

Bereits 100km vor dem Bosporus erreicht man im Grunde genommen schon das Häusermeer von Istanbul, der Verkehr ist dicht, aber er fließt. Da die Autobahn mit Anhänger nicht billig ist, wechseln wir auf europäischer Seite auf die Landstraße und kommen spät abends in Edirne an. Am westlichen Ortsausgang stellen wir uns an die alte Brücke. Morgens parkt neben uns ein Lastwagen mit Kieler Ausfuhrkennzeichen, ein Mann in Frauenkleidern kommt vorbei und betrachtet seine fettige Haarpracht in dem Spiegel an unserer offenen Tür, später kommt noch eine alte Frau, die etwas von Allah erzählt, die Hand aufhält und gegen die Tür klopft als wir sie schließen. Die Stadt an sich sieht zwar orientalisch aus, scheint jedoch mehr als zur Hälfte aus griechischen und bulgarischen Shoppingtouristen zu bestehen. Auf dem Markt kann man sogar Ausschußware von Kik erstehen. Offensichtlich sind wir an Europas Grenze angekommen.

Edirne  

Die Grenze ist schnell passiert, die Hauptreisezeit ist schon vorbei und am Nachmittag erreichen wir Plovdiv. Die auf meiner Jahre alten Karte schon als im Bau befindlich eingezeichnete Autobahn steht wohl immer noch in den Anfängen ihrer Entstehung.

In Plovdiv schlägt uns unsere Freundin Svetlana vor, doch in der Wohnung statt im Wagen zu schlafen. Noch bequemer als der warme Schlafplatz auf dem Sofa ist für uns allerdings das Badezimmer mit heißer Dusche.

Hier nehmen wir noch einen Mitfahrer an Bord. Während wir dort sind, kommt auch Scheel an (siehe Belarus 2009). Er ist auf dem Rückweg von seiner Weltreise und steigt bei uns zu. Sein Schlafplatz wird im Auto sein.

Gemeinsam geht es erstmal durch die Berge Südwestbulgariens. Die Nächte dort sind bereits empfindlich kalt. Erstaunlicherweise ist das Bad in einem Stausee bei Dospat noch recht angenehm.

Von Bulgarien geht es durch einen Zipfel Mazedoniens nach Serbien. Dort wollten wir uns eigentlich noch einen Übernachtungsplatz suchen. Wir haben es uns jedoch abgewöhnt, für die Nachtplatzsuche Umwege zu fahren und halten lieber von dem Weg aus Ausschau, den wir ohnehin fahren wollten. Wir sehen keinen Platz und stoßen auf die Grenze des Kosovo, die wir eigentlich erst am nächsten Tag überqueren wollten. Die serbischen Grenzer beschäftigen sich lange mit unseren Papieren. Offensichtlich werden wir in einen Computer eingegeben, dann noch ein kurzer Blick in Auto und Wohnwagen, wir können fahren und erreichen einige Kilometer weiter den kosovarischen Posten. Als erstes müssen wir für eine Versicherung zahlen. Mein Versuch, dem Beamten beizubringen, daß die deutsche Versicherung auch dann zahlen würde, wenn ich gar keine grüne Karte hätte und es deshalb auch egal ist, ob Kosovo nun auf ihr vermerkt ist oder nicht, scheitert leider. Die Kontrolle geht aber zügig vonstatten, ein Nachtplatz ist auch bald gefunden. Ein grenzenreicher Tag.

   

Die Straßen des Kosovo sind meist nicht schlecht, aber völlig überlastet. Hinzu kommt der absolut nervige Fahrstil der Albaner und Fußgänger, die ohne vorher zu gucken über die Straße laufen. Mehrfach passiert es mir, daß Autofahrer warten, bis ich mich genähert habe und mir dann vor die Nase fahren, ein Lkw Fahrer bremst von voller Fahrt ab und blockiert die Fahrbahn, bis sein Kollege vor ihm einbiegen konnte. Ist es Boshaftigkeit, Egoismus oder Gedankenlosigkeit?
Was auch sofort auffällt: Genau wie in Albanien scheint die Erfindung Mülltonne hier noch nicht angekommen zu sein, denn das ganze Land gleicht einem riesigen Mülleimer.

Öfter begegnen einem Militärfahrzeuge von NATO Truppen, insbesondere in der Gegend um Prizren ist viel Bundeswehr unterwegs. Unübersehbar ist auch die starke Bautätigkeit. Die meisten Häuser sind neu oder neu renoviert. Die Orte erscheinen uns eher reizlos, mit Ausnahme von Prizren, das eine sehr schöne Altstadt mit Cafékultur hat. Vom Krieg sind kaum noch Spuren übrig. Die Nacht verbringen wir abseits einer Paßstraße – angeblich ist die Gegend ja minenfrei.

Prizren  

Bevor wir das Kosovo wieder in Richtung Serbien verlassen, sehen wir uns noch Pristina an. Die Stadt ist, wie erwartet, etwas chaotisch und dreckig. Nach längerer Suche finden wir einen Parkplatz und sehen uns das stark von Beton geprägte Stadtzentrum an. Nach dem Mittagessen in einer kleinen Pinte finden wir doch noch so etwas Ähnliches wie eine Altstadt. Nördlich von Pristina steht man schon fast wieder an der serbischen Grenze. Mal sehen, wie sich dieser Zwergstaat halten wird, wenn irgendwann einmal die Hilfen aus dem Ausland zu Ende gehen. Die kosovarischen Grenzer sprechen gut Deutsch und lassen uns gerne durch, doch meinen sie, daß die Serben uns wohl kaum ins Land lassen werden, da unsere Pässe bei der Einreise ins Kosovo gestempelt wurden. Wir hatten extra noch nach diesem Stempel als besonderes Souvenir gefragt, da nach den Informationen des Auswärtigen Amts die Visa des Kosovo durchgestrichen und der serbische Einreisestempel noch einmal beglaubigt wird.

Serbisch unerwünscht! Grenze bei Podujeva

Die Abfertigung auf serbischer Seite dauert zwar lang, unsere Pässe mit den kosovarischen Stempeln sorgen für Diskussionen unter den Grenzern, die Durchsuchung fällt etwas ausführlicher aus, doch man läßt uns ins Land. Den Unterschied merkt man sofort. Die Straßen sind fast leer und holprig, in den Orten unterstützt niemand die Leute beim Renovieren und Bauen ihrer Häuser. Gleichzeitig wirkt Serbien aber insgesamt wesentlich zivilisierter als das Kosovo, was wohl nicht zuletzt an der Sauberkeit liegt. Bei Nis stoßen wir auf den Autoput und fahren bis nördlich von Belgrad durch, wo wir auf einem Rastplatz übernachten.

Novi Sad  

Am nächsten Tag fahren wir teil auf der Autobahn und teils auf der Landstraße, wodurch wir die Mautstationen „verpassen“. In Novi Sad, das wir ausführlich erwandern, sehen wir seit Bulgarien die ersten deutschen Touristen. Die Stadt ist blitzsauber und hat viel alte Bausubstanz. Jenseits der Donau thront auf einem Berg die Festung, auf der einmal jährlich ein Rockfestival stattfindet. Nach dem Essen fahren wir weiter in Richtung Grenze, wo wir an einem See bei Subotica übernachten. Der Parkplatz hat einen Höhenbegrenzer, während der Saison soll man dort wohl nicht übernachten – die Saison ist aber längst vorbei. Nachts wird es bitterkalt, weswegen wir am Morgen nicht recht in Gang kommen. Die nächste Verzögerung ist die Grenze. Die serbische Poliezi ist nett, bis sie die kosovarischen Stempel entdeckt. Wir werden gefragt, was wir dort zu suchen hatten und die Pässe werden wieder ins Grenzhaus verschleppt, während ein junger Kerl in unseren Sachen wühlt.

Auf ungarischer Seite heißt es erstmal warten, dann geraten wir in die Fänge eines unfreundlichen jungen Zöllners, der ganz offensichtlich nach einem Erfolgserlebnis sucht. Zuerst verlangt er eine Rechnung als Nachweis, daß ich die Reserveräder in Deutschland gekauft habe, legt später den 20 Liter Kanister frei und unterbreitet stolz, daß nur 10 Liter erlaubt sind. Wir müssen ihn enttäuschen, denn wir hatten kurz vor der Grenze unser Restgeld vertankt und dafür nur 9,5 Liter bekommen. Es scheint ihm nicht zu schmecken, das noch von einer Frau erklärt zu bekommen. Während ich seinem Kollegen den Wohnwagen zeige, rufe ich Stefanie laut und deutlich zu, sie solle aufpassen, daß nichts wegkommt. Er läßt er mich alle Zigaretten herauskramen, die wir haben, kann mit der armenischen Schrift nichts anfangen und will wieder wissen, woher sie sind und woher wir überhaupt kommen, fragt mindestens viermal, ob ich noch mehr Zigaretten habe, ob Drogen oder Feuerwaffen im Auto sind. Die gleichen Fragen wurden mir mehrfach von der bayerischen Polizei vor dem tschechischen EU-Beitritt gestellt. Interessant ist auch, daß der Ungar, genau wie die Bayern seinerzeit, die Informationen in unseren Papieren nicht einmal sichtet und statt dessen eigenartige Fragen stellt. Würde er sich die Stempel der letzten Wochen ansehen, wäre schnell klar, daß wir zwar gerade aus Serbien kommen, doch vorher noch woanders waren. Immerhin unterhält er sich mit uns auf Deutsch. Ob er mal ein Praktikum in Bayern gemacht hat? Es war der mit Abstand unangenehmste Grenzübertritt der Reise.

Nach der Grenze kaufe ich erstmal eine Vignette zum doppelten Preis, da ich mich weder an den Preis erinnerte, noch daran dachte, daß kurz nach der Grenze ein Rasthof kommt. Was man nicht im Kopf hat, muß man im Portemonnaie haben. Wir haben alle drei keine Lust auf eine weitere kalte Nacht. Gegen Mitternacht erreichen wir das Erzgebirge und sind eine gute halbe Stunde später zu Hause. Wir waren weit weg, es waren sieben Wochen – und die Zeit verging wie im Flug.

 

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Stand: 11.01.11