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Reiseinformationen
Mit den Wohnwagen zum Kaukasus und zurück
Die Idee von einer Kaukasusreise mit dem Wohnwagen war
nichts Neues. Anfangs war mir dies selbst nicht ganz geheuer, denn die
Entfernung ist enorm, ab der türkischen Ostgrenze fällt auch das
Sicherheitspaket des ADAC weg. Ich durchforstete viele Abende lang das
Internet nach Informationen. Dies war gar nicht so einfach, denn von
Weltreisenden werden diese kleinen Länder offensichtlich weitestgehend
ignoriert, da die klassische Route gen Osten direkt von der Türkei in den
Iran führt. In keinem einzigen Forum fand ich wirklich brauchbare
Informationen. Immerhin gab es schon einige wenige Reiseberichte
– so ausgefallen konnte meine Idee also doch nicht sein. Ich recherchierte
weiter, doch die gefundenen Informationen stellten sich größtenteils als
falsch heraus, fand jedoch auch nichts, was gegen die Reise sprechen sollte.
Mit den besten Wünschen für die Organisation des Rücktransports unseres
Schrotthaufens fuhren wir los. Einmal wieder wurde unser Ziel vom Umfeld für
lebensgefährlich gehalten und es schien für manch einen unmöglich, das Auto
wieder heil zurückzufahren. Das kommt eben davon, wenn man nicht auf dem
Laufenden ist.
Schon einige Tage vor der Abreise steht der Wohnwagen
vor unserem Haus an der Straße. Er bekommt neue Gardinen, wird gereinigt,
etwas umgebaut und bestückt. Ohne Hektik konnte es losgehen – zur
Abwechslung sogar einmal pünktlich. Das Ziel heißt diesmal Stepanakert, die
Hauptstadt Bergkarabachs.

Die bereits bekannte langweilige Strecke nach Südungarn
fahren wir an einem Tag und verbringen die Nacht auf einem
Autobahnparkplatz. Am nächsten Morgen besuchen wir noch das
Dreiländermonument von Ungarn, Rumänien und Serbien, wobei uns zwei Grenzer
stören. Sie motzen rum, weil ich nicht sofort gehalten habe und zu ihnen
gerannt bin, kontrollieren die Pässe und erzählen uns umständlich, daß
Schengen hier zu Ende ist. Es ist schon peinlich, wenn ausgerechnet
Grenzpolizisten nicht ordentlich Englisch sprechen.
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Langweiliges Südungarn |
"Triplex" Dreiländermonument |

An der rumänischen Grenze geht es zügig voran, die EU
macht das Reisen eben leichter. Im ersten Ort besorgen wir etwas Geld und
kaufen ein. Fast jeder Passant dreht sich nach uns um, daran müssen wir uns
wohl gewöhnen.
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| Gut gesicherte Baustelle |
Rumänische Hauptverbindungsstraße |
Die Etappe durch Rumänien ist unangenehm, zwar hat sich
in den letzten Jahren offensichtlich einiges getan – die Orte sind
wesentlich gepflegter und sauberer, doch sind die Straßen eine einzige
Katastrophe. Das Straßennetz hätte eher den Namen „Baustellennetz mit
Ampeln“ verdient. Schon die nagelneuen Abschnitte sind voll mit Löchern und
Kanten. Als wir abends endlich beim Wasserkraftwerk Portile de Fier nach
Serbien einfahren, sind wir heilfroh. So schön dieses Land auch ist, möchten
wir es erstmal nicht mehr mit dem Auto bereisen.

Das kleine Stück Serbien bei Negotin fahren wir
eigentlich nur, um die teure Donaufähre zu meiden und fahren am nächsten
Morgen zur bulgarischen Grenze. Die Straßen sind gut und ruhig, ein Traum im
Vergleich zu Rumänien. Ein alter Wegweiser zeigt noch den Weg zur
Volksrepublik Bulgarien. Die Grenze ist schnell geschafft, auf beiden Seiten
sind wir die einzigen Reisenden und die Beamten scheinen dankbar für etwas
Smalltalk.

Nach einem Spaziergang durchs schöne, aber eher
beschauliche Vidin geht es zu den Felsen von Belogradchik. Eigentlich ist
jedoch eher die Fahrt durch die schöne Gegend die Hauptattraktion des Tages.
Am Abend stoßen wir auf einen Stausee. Ein idealer Platz zum Übernachten.
Zügig fahren wir durch den Norden Bulgariens. Von vielen der kleinen Orte
ist nicht mehr viel übrig, sie wirken wie verlassene Flecken, an denen Zeit
und Fortschritt vorbeiziehen, während in den Städten das Leben pulsiert.
Erschreckend viele Häuser sind in beklagenswerten Zustand oder stehen leer.
Gegen Abend erreichen wir Veliko Tarnovo. In der Umgebung soll es zwar einen
Campingplatz geben, doch bevorzugen wir eine Wiese mit schöner Aussicht in
Stadtnähe. Diese Stadt, die eigentlich immer einen Besuch wert ist, hat ein
schönes Zentrum mit angenehmen Restaurants. Neben der Stadt thront auf einem
Fels die Burg. Eintrittskarten sind sehr günstig und auch wenn es in der
Anlage an sich nicht viel zu sehen gibt, hat man von dort einen herrlichen
Blick auf die Stadt und ihre Umgebung.
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| Veliko Tarnovo |
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Da wir ohnehin an die südliche Schwarzmeerküste wollen, machen wir noch
einen Abstecher ins Gebirge. Der Shipkapaß, vor einigen Jahren noch eine
Hauptverkehrsader, ist nun für Lastwagen und leider auch für Gespanne
gesperrt. Ich „übersehe“ das Schild, da es mit etwa 1500m ein
vergleichsweise niedriger Paß ohne dramatische Steigungen ist. Durch den
Wald geht es bis zur Paßhöhe. Am Schipkadenkmal, das an die Zurückschlagung
der osmanischen Armee mit der Hilfe russischer Truppen erinnert, wird, als
wir ankommen, gerade diese Schlacht nachgestellt. Leider scheint das Event
eher schlecht geplant – die Teilnehmer streiten sich zwischendurch, was
genau zu tun ist und manche Akteure müssen so gleich mehrmals sterben. Die
Kostüme können sich jedoch wirklich sehen lassen.
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| Shipkapaß |
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Die Europastraße zum Schwarzen Meer wird gerade in Stand gesetzt,
entsprechend wechselt der Fahrbahnbelang zwischen nagelneu und Schotter in
den Baustellenbereichen. Die Ortschaften machen einen alles andere als guten
Eindruck, des öfteren kommen wir an Armensiedlungen vorbei, in denen
überwiegend Zigeuner in improvisierten Hütten leben. Erst mitten in der
Nacht erreichen wir die Küste und finden sogar noch einen super
Übernachtungsplatz direkt am Wasser.
Die Küstenstraße wird südlich von Burgas immer ruhiger und endet bei Rezovo
an der türkischen Grenze. An den Ufern des kleinen Grenzbachs stehen sich
riesige Tafeln mit den Nationalflaggen gegenüber. Bulgarien läßt es an
dieser Stelle nicht aus, die Türken daran zu erinnern, daß hier die EU
Außengrenze verläuft.
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| bei Ahtopol |
Bulgarisch/Türkische Grenze am Schwarzen Meer bei
Rezovo |
Auf dem Rückweg von unserem Grenzspaziergang treffen wir drei Jungs aus
Berlin, die mit einem VW Kombi unterwegs nach Istanbul sind. Sie hatten bei
Rezovo einen Grenzübergang vermutet und sich beim Umkehren den Reifen am
Bordstein aufgerissen.
Nach dem Essen und Einkaufen im gemütlichen Ahtopol
finden wir einen tollen Stellplatz an einem Steilufer und verbringen den
restlichen Tag in der Sonne.

Die Straße zum Grenzübergang bei Malko Tarnovo wir
immer holpriger, je näher man an die Grenze kommt. Der bulgarische
Kontrolleur ist so lässig und stark, daß er sich nur im Schneckentempo
bewegt. Ich nutze die Zeit, um die Mülltonnen des Grenzpostens mit unseren
Abfällen vollzustopfen.
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| Nach Istanbul geradeaus! |
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Auf türkischer Seite tun wir es den anderen gleich: Mann tappelt ins
Abfertigungsgebäude, Frau bleibt zurück und fährt das Auto weiter, wenn sich
in der Schlange etwas bewegt. Die Pässe sind schnell gestempelt, ebenso
zügig ist das Auto registriert. Auf dem Weg zurück zum Auto hält mich noch
ein Soldat an, der die ganze Zeit auf einer Bank in der Sonne sitzt. Er
knallt noch einen Stempel dazu, schmiert seine Unterschrift darüber, an
einem Tor wird alles noch einmal angesehen – und schon sind wir in der
Türkei.
Thrakien, der europäische Teil der Türkei erscheint uns als plattes Land mit
wenigen Reizen. Nach dem Einkauf in einem schicken Einkaufszentrum fahren
wir auf die Autobahn in Richtung Bosporus. Die Autobahn ist super in Schuß
und unsere Fahrt wird nur durch die Frontscheibe des Wohnwagens
unterbrochen, die dem großzügigen türkischen Tempolimit für Gespanne nicht
standhält. Wenigstens haben wir genug Panzerklebeband dabei und sind
mittlerweile geübt im provisorischen Einsetzen einer Scheibe. Unschön nur,
daß wir nun den Großteil der Reise mit einem geflickten Wohnwagen unterwegs
sind.
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| Türkische Autobahn |
Bosporusbrücke |
Der Verkehr fließt an diesem Sonntag flüssig über die riesige Autobahnbrücke
nach Asien. Anschließend fährt es sich auf der Landstraße zum Schwarzen Meer
ebenso schön – die meisten Leute fahren nun zurück nach Istanbul.
Insbesondere wegen der Istanbuler Wochenendurlauber hat sich am westlichen
Schwarzen Meer eine gute touristische Infrastruktur entwickelt. Da wir aber
alles andere wollen als einen typischen Campingplatz, stellen wir uns neben
einem solchen an einem weiten, leeren Strand ans Wasser.
Die Landschaft ist herrlich und wir folgen den kleinen kurvigen Straßen
entlang der Küste, gegen Abend erreichen wir den kleinen Ort Inkum, der
zwischen riesigen Felsen direkt ans Meer gebaut ist. Zu erreichen ist er
über eine kleine Serpentinenstraße. Freie Fläche gibt es natürlich nicht und
wir stellen uns dort, wo der Ort zu Ende ist, an die Uferpromenade. Es ist
schön, einmal in einem Ort zu übernachten und abends etwas durch die Straßen
zu schlendern.
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| Bartin |
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Als wir nach Bartin hereinfahren, ist
gerade Markt, den wir uns genauer ansehen wollen. Auf dem Parkplatz sorgen
wir für eine Meinungsverschiedenheit bei den Parkwächtern. Während der
Ältere von ihnen mich durchwinkt, trommelt mir sein junger Kollege aufs
Dach, fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, meint ich sei zu lang und
müsse umkehren. Am Ende soll ich mich zu den Kleintransportern stellen und
zahle für zwei Fahrzeuge, Einweisung inklusive, es geht doch!
Der Markt ist gleichzeitig wahnsinnig chaotisch und sehr angenehm.
Auf Touristen ist man hier nicht eingestellt, wir sind weit und breit die
einzigen. Anders als in den Urlaubsgebieten zupft einem also keiner am Ärmel
und man kann sich in aller Ruhe umsehen. Auch der Ort selbst ist sehr
angenehm, leider ist das Leben gerade durch den Ramadan etwas gelähmt.
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| Amasra |
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Im Touristenort Amasra lassen wir uns für die Nacht neben dem Busbahnhof
nieder. Der Ort ist wunderschön, vorwiegend auf türkische Touristen
eingestellt und sein Charme ist noch nicht komplett von Souvenirständen
verdeckt. Der Ort ist unter anderem bekannt für eine mittelalterliche
Brücke, die die einzige Verbindung zu einem Ortsteil auf einer vorgelagerten
Insel ist. Am Wasser perfektionieren Fischerboote das Panorama.
Landschaftlich bleibt es auch östlich von Amasra herrlich, doch läßt die
Straße sehr nach – Asphalt, Schotter, Splitt und weicher Teer wechseln sich
ab. Diese Mischung hält hervorragend am Auto und ich frage mich, wie ich es
jemals wieder gereinigt bekommen soll – ganz zu schweigen von den
Steinschlägen, die mir der entgegenkommende Verkehr beschert. Am Abend bin
ich wahnsinnig froh, daß die Etappe zu Ende ist und hoffe auf Besserung. Zum
ersten Mal auf der Tour schlafen wir auf einem Campingplatz – jedoch ist
hier niemand in Sicht, alle Häuschen sind abgeschlossen, doch die
Außenduschen funktionieren. Wenn sonst keiner da ist, schlafen wir auch gern
mal auf einem Campingplatz. Am nächsten Tag bekommen wir wieder besseren
Asphalt unter die Räder. Nach einem Abstecher an den nördlichsten Punkt
Anatoliens fahren wir nach Sinop und sehen uns die schöne, aber
unspektakuläre Stadt an. Beim Ausparken sitzt der Anhänger auf einer Kante
auf. Die Platzwärter kommen sofort und helfen mir, ihn auf die Seite zu
drücken – ruckzuck ist er wieder frei.
Außerhalb der Stadt gibt es jede Menge Platz direkt am Strand, ideal zum
Übernachten, wenn einen die herumlaufenden Kühe nicht stören. Am nächsten
Morgen begrüßt uns ein anderer Wildcamper. „Und Ihr seids auch aus Bayern.
KI – des is doch Kitzingen!“ Um solch fatalen Irrtümern vorzubeugen, werde
ich das nächste Mal doch das Kennzeichen KI – EL wählen.
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| Nördlichster Zipfel Anatoliens |
In Sinop |
Östlich von Sinop wird die Straße zusehends besser,
jedoch steigt auch das Verkehrsaufkommen. Einige Kilometer weiter haben
Küstenstraße und Gebäude das ursprüngliche Ufer komplett eingenommen,
Strände und Promenaden gibt es nicht mehr, doch auch diese Strecke hat etwas
Positives. Man kann von einer hervorragend ausgebauten Schnellstraße die
schöne Bergkulisse genießen, die sich quasi aus dem Meer erhebt.
In Trabzon gehen wir einmal wieder in eines der neuen Einkaufszentren. Auf
dem fast leeren Parkplatz darf ich das Gespann nicht quer parken, sondern
muß den Anhänger abkuppeln und ein eine Parklücke drücken. Drinnen der
nächste Kontakt mit der Security: Wir müssen den Stecker unseres Laptops
ziehen. Strom ist wohl nicht im Service inbegriffen, während drahtloser
Internetzugang kostenlos angeboten wird. Der Ordnungswahn, der anscheinend
als modern und professionell angesehen wird, scheint noch schlimmer als in
Deutschland zu sein. In einem Jeansgeschäft wird zwar tatsächlich gut
Englisch gesprochen, doch hören die Mitarbeiter nicht zu. Stefanie fragt
nach einem Modell, die Mitarbeiter beharren darauf, daß ihr diese Größe
nicht passen wird. Als wir mehrmals hintereinander sagen, daß es um das
Modell und nicht um die Größe geht, stellt sich endlich heraus, daß es nicht
vorrätig ist. Sofort werden wahllos andere Hosen aus den Regalen gezogen,
doch wir gehen lieber. Will man Deutschland schätzen lernen, muß man hin und
wieder mal mit offenen Augen verreisen. Hauptsache, auf dem Parkplatz
herrscht Ordnung!
Als wir die Stadt verlassen wollen, hupt neben uns jemand pausenlos, als ich
doch einmal zu ihm herüberblicke, reibt er aufgeregt Daumen und Zeigefinger
aneinander. Will er etwa Geld? Nein, er will den Wohnwagen kaufen. Als ich
das Fenster ein Stück herunterlasse brüllt er „How much?“ herüber.
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| Küstenstraße nach Trabzon |
Uzungöl |
Bevor wir weiter in Richtung Georgien fahren, machen
wir noch einen Abstecher in die Berge. Die Straße nach Uzungöl steigt steil
an. Der kleine Ort liegt inmitten von Bergen an einem See. Man könnte glatt
meinen, in den Alpen zu sein, wären da nicht die Minarette im Bild.
Als ich am nächsten Morgen Wasser hole, begegnet mir der Bürgermeister in
fließendem Deutsch. Nach einem kleinen Ausflug in die Berge merke ich, daß
etwas mit dem Auto nicht stimmt. Der Motor läuft im Leerlauf sehr unruhig
und geht manchmal aus. Ich finde einen abgefallenen Luftschlauch, stecke ihn
wieder fest und der Motor läuft vorerst wieder rund – leider nur vorerst,
denn nach wenigen Kilometern tritt das gleiche Problem wieder auf. Da der
Wagen jedoch während der Fahrt sehr gut läuft, fahren wir weiter zur
georgischen Grenze. Der Kontrollposten taucht ganz plötzlich hinter einem
Tunnel auf, sofort weisen mich mehrere Leute in die einzige infragekommende
Spur. Ich stelle mich an der Paßkontrolle an, wo sich gerade eine Busladung
drängelt. Ständig zupft mich jemand anderes am Ärmel, daß ich mich doch an einem
anderen Schalter anstellen soll. Nach ein paar deutlichen Worten auf Deutsch
ist zum Glück Ruhe. Bis zum Schluß finde ich nicht heraus, ob die Leute
einfach helfen wollten oder ob es Grenzschlepper waren. Danach hole ich noch
einen Stempel beim Zoll ab und fahre siegessicher zum Tor nach Georgien.
Hier werde ich gleich zurückgeschickt, zum Glück kann ich mittlerweile auch
mit dem Anhänger einigermaßen rangieren. Unsere Papiere gibt der Grenzer
zwei herumstehenden Kerlen, denen ich sie schnell wieder aus der Hand nehme.
Ob ich will oder nicht, werde ich von ihnen zu einem Schalter geführt, den
ich verpaßt habe. Was mich an der Sache aufregt ist, daß sich dieser auf der
Lastwagenspur befindet und eigentlich vor der Fahrzeugausstemplung erledigt
werden soll. Toll, daß mich dort niemand auf den Fehler hinwies. Mit einem
Krakel mehr auf der ohnehin schon total vollgeschmierten Paßseite werden wir
nun durchgelassen.

Auf georgischer Seite muß erstmal eine
Haftpflichtversicherung abgeschlossen werden. Bei genauerer Betrachtung der
Police findet man heraus, daß sie sie nur Schäden bis knapp 2000 € deckt.
Für den Fall von Personenschäden gibt es noch eine Leistungsliste mit
Prozentangaben. Einfach lächerlich, besonders weil die meisten Einheimischen
ganz ohne Versicherung unterwegs sind. Für die Einreisekontrolle darf
komischerweise nur der Fahrer im Fahrzeug sitzen, während die Insassen die
Fußgängerspur nutzen müssen. Paß und Fahrzeugdaten werden mehrfach notiert,
ein kleiner Aufkleber im Paß dokumentiert die Fahrzeugeinfuhr. Zum Glück
wollen die ausnehmend freundlichen Grenzer in Wohnwagen und Auto nur kurze
Blicke werfen.
Direkt hinter dem letzten Schlagbaum beginnt der Grenzort mit Kneipen,
Ramsch und Nutten. In den nächsten Orten scheint der Tourismus zu blühen und
es wird gefeiert. Vom Ramadan ist keine Spur mehr, Georgien ist ein
christliches Land. Da wir keine Lust mehr haben, nach einem schönen Platz zu
suchen, stellen wir uns für den Rest der Nacht an eine Tankstelle kurz vor
Batumi.
Am nächsten Morgen erzähle ich den Tankwarten,
eigentlich nur nebenbei, von dem Problem mit dem Auto. Natürlich wollen sie
sich das selbst ansehen, was der englischsprachige Chef mitbekommt. Er
möchte uns zu einer guten Werkstatt bringen, bis diese öffnet, können wir
bei ihm im Büro Kaffee trinken.
Die erste Werkstatt, sie gehört einem Türken und ist wohl eher auf Lastwagen
spezialisiert, ist wohl schlechter ausgestattet als die meisten deutschen
Hobbyschrauberhallen, wir fahren weiter zu einer kleinen Werkstatt, vor der
gerade ein fast neuer Mercedes CLS abgeladen wird. Hier wird russisch
gesprochen, der Meister hat den Fehlerspeicher schnell ausgelesen und einige
Minuten später ist ein weiterer Luftschlauch geflickt und das Auto läuft
wieder wie es soll. Obwohl mein Auto in Georgien nichts Besonderes mehr ist,
haben wir die ganze Zeit lang einige Zuschauer. Zum Glück fahren wir
Mercedes- damit kennen sich Mechaniker weltweit aus.
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| Batumi |
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Nun, da das Problem mit dem Motor gelöst ist, sind auch
wir wieder entspannter, gucken uns den Touristenort Batumi an und suchen uns
danach einen Platz am Meer.
Auch vor Georgien hatte man uns vor der Reise gewarnt. Die Gründe dafür
können wir nicht ganz nachvollziehen. Die Straßen sind in Ordnung, die Leute
sind sehr freundlich – wenn man etwas einkauft, nach Wasser fragt oder tankt
muß man meistens noch etwas über sich erzählen oder zuhören, welche Worte
der Gegenüber auf Deutsch sagen kann. Das einzig Störende ist das nicht
vorhandene Umweltbewußtsein. Es liegt wirklich überall Müll herum, am Strand
findet man Hinterlassenschaften ganzer Lagerfeuergesellschaften. Wenn wir
unseren Müll in eine Tonne werfen, frage ich mich manchmal, ob wir ihn nicht
genausogut in den nächsten Fluß werfen könnten, denn anscheinend wird hier
ohnehin alles in der Landschaft verklappt. Eigentlich hatten wir Georgien
nur als Transitland eingeplant, doch ändern diesen Plan nun schnell.
Weiter geht es über die M1, die Hauptverkehrsader des
Landes. Sie führt durch schöne und abwechslungsreiche Landschaft. Die
Hafenstadt Poti macht auf uns keinen guten Eindruck und schnell fahren wir
weiter. Interessant ist das Warenangebot an der Straße. In jedem Ort
verkauft eigenartigerweise fast jeder das Gleiche. Erst gibt es Obst, ein
paar Kilometer weiter Korbwaren, Backwaren, Gemüse oder Pfifferlinge –
Pfifferlinge? Wir halten und bekommen eine halbvolle Einkaufstüte der
leckeren Pilze. Zwischendurch geht es noch durch einen alten Tunnel, in dem
das Wasser tropft, die Sicht ist durch Abgase getrübt – von Beleuchtung ganz
zu schweigen. Unter Einsatz aller Scheinwerfer versuche ich um die tiefen
Schlaglöcher herumzukommen. Am Ausgang müssen wir dafür auch noch Maut
bezahlen! Wenigstens hatte er ein schönes Portal im Sowjetstil.
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In Gori angekommen sehen wir sofort die Spuren des
gerade erst beendeten Krieges mit Rußland. Über die Flüsse führen
provisorische Brücken, am Stadtrand stehen riesige Siedlungen winziger
Häuser, die wohl Flüchtlingen ein vorläufiges Zuhause geben. Trotz allem ist
kaum zu glauben, daß die Stadt vor knapp einem Jahr fast komplett leer war,
da fast die ganze Bevölkerung vor den russischen Truppen geflohen war. Das
Leben scheint seinen normalen Gang zu gehen, die Straßen sind belebt wie
anderswo auch.
Der Stadt wird wohl noch lange Zeit in den Köpfen der
Leute mit ihrem großen Sohn Josef Stalin verbunden sein. Am zentralen
Stalinplatz hat man dem Schlächter ein Denkmal gesetzt und ein Museum zu
seinen Ehren errichtet. Während wir es uns ansehen, stelle ich mir so etwas
als Adolf-Hitler-Platz in Braunau am Inn vor.
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| Kurz vor Gori - der Knick liegt an der Behelfsbrücke |
Stalin |
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| Gori |
Südlich von Gori |
Kurz nachdem wir uns wieder in Bewegung gesetzt haben,
möchte wieder einmal jemand den Wohnwagen kaufen. Er spricht uns an einer
gerade auf grün springenden Ampel an, es ist also keine Gelegenheit, seine
Preisvorstellungen anzuhören. Im Grunde genommen wäre es gar keine
schlechten Sache, den Wagen zu verkaufen, die vielen tausend Kilometer ohne
das Gewicht am Haken zu fahren und für die nächste Saison einen neuen
anzuschaffen. Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, daß sich ein guter Preis
erzielen ließe, denn ein Wohnwagen ist auf dem Kaukasus etwas Besonderes,
uns begegnete kein Einziger, wir waren allerorts ein Blickfang.
Die Nachtplatzsuche ist gar nicht mal so einfach, denn
südlich der Stadt kommt man sofort in eine bergige Gegend, die Straße
schlängelt sich immer entweder durch Dörfer oder direkt am Hang entlang. Am
Ende finden wir doch noch ein schönes Plätzchen, das sogar an einem Bach
liegt. Um den Wohnwagen halbwegs gerade abstellen zu können, muß ich jedoch
auf der einen Seite ein kleines Loch für das Rad buddeln und ihn auf der
anderen Seite etwas hochkurbeln.
Richtung Tiflis führt die M1 einmal unmittelbar an der
Grenze von Südossetien entlang, es soll hier eine starke Militärpräsenz und
viele Kontrollen geben. Von alledem keine Spur. Vor Tiflis wird der Verkehr
dichter und es gibt es sogar ein kleines Stück Autobahn. Schon auf dem Land
fahren die Georgier aggressiv und leichtsinnig – mit einer flexiblen
Auslegung der Verkehrsregeln oder temperamentvoller Fahrweise hat das
jedenfalls nichts mehr zu tun. Das automobile Tiflis übertrifft noch alle
schlechten Erfahrungen, die ich in Großstädten bisher gemacht habe. Der
Straßenverkehr ist einfach ein wahnsinnig aggressives Chaos, dazu muß man
noch aufpassen, nicht in einem Schlagloch das Fahrwerk zu ruinieren. Bei der
Stellplatzsuche versuchen wir es bei einem Homestay für Backpacker. Die
erweisen sich jedoch als ebenso unflexibel wie wir, wollen keine Camper in
ihrem Hof haben, während wir in keinem der Schlafsäle übernachten möchten.
Nach längerem hin und her bringen sie uns zu einem bewachten Parkplatz mit
Autowaschanlage und Werkstatt. Für die Angestellten dort sind wir
anscheinend eine willkommene Abwechslung, sie überhäufen uns mit Fragen und
wenn jemand Essen holt, holt er auch etwas für uns, wenn wir gerade da sind.
Wir sind also scheinbar in sehr gastfreundliche Hände geraten – scheinbar.
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Auf dem Weg ins Stadtzentrum kommen wir am Casting für
Georgiens Superstar vorbei. Das Zentrum selbst ist hübsch hergerichtet,
besonders ein kleines Viertel, wo sich ein schickes Café ans nächste reiht;
über alles blickt die Mutter Georgiens, eine Betonstatue auf einem Hügel.
Drumherum sieht es mitunter traurig aus, manche Häuser sind bereits
zusammengebrochen, andere neigen sich bereits bedrohlich. Für die
Instandsetzung scheint das Geld zu fehlen, es bleibt nur zu hoffen, daß
dieses Land trotz der unstabilen Lage etwas auf die Beine kommt. Vor dem
Parlamentsgebäude weht immerhin schon die Fahne der EU: ein hochgestecktes
Ziel des Landes. Mitten in der Stadt treffen wir sogar deutsche Studenten,
die mit einem alten Mercedes unterwegs sind. Die Welt ist klein. Als wir
morgens gerade in die Stadt gehen wollen, kommen die Autowäscher mit Bier
vorbei. Es wird eine lustige Runde, es geht jedoch auffällig oft um deutsche
Gehälter, Visa und Einladungsschreiben. In der Stadt machen wir uns einen
ruhigen Tag, testen die neuen Cafés. Abends regnet es, wir verbringen ihn
in einem rustikalen Restaurant mit vielfältigem Publikum. Am Abend fahren
wir wieder mit der alten U-Bahn zurück zu unserem „Campingplatz“ an der
Waschanlage. Das Preisniveau der kommunistischen Zeit hat sich wenigstens in
der U-Bahn erhalten, die Bahnhöfe werden von Plastiken verziert und sind
tiptop in Ordnung.
Am Wohnwagen bekommen wir wieder Besuch. Diesmal bringt
er hausgemachten Wein mit, besteht darauf mit uns zu trinken und will sich
wieder über Visa unterhalten. Eigentlich habe ich weder Lust auf einen
Rausch, noch auf ein einfältiges Gespräch und verabschiede mich, als er mir
die zweite Flasche aufdrängen möchte.
Am Morgen unserer Abreise sind die Männer noch nett,
wollen mir beim Ankuppeln des Anhängers helfen, indem sie ihn trotz
heruntergekurbelter Stützen und angezogener Bremse auf die Kupplung ziehen
wollen. Als ich anfange, eine Stütze hochzudrehen wollen sie mich davon
abhalten, denn der Wagen könnte ja umkippen. Schon interessant, wer alles
Jobs mit Autos ausübt, wären alle so dämlich wie diese Männer, wäre wohl die
Handbremse eine durchaus effektive Diebstahlssicherung. Als ich den Motor
anlasse, kommen alle aufgeregt angelaufen, fordern mit mitleiderregenden
Mienen Geld, obwohl ich den vereinbarten Preis längst gezahlt habe. Die
Summe ändert sich ständig und schwankt zwischen 10 und 40 Euro. Wir holen
die Hostelbesitzerin, die uns gebeten hatte, sie beim kleinsten Problem
sofort zu informieren. Ich erkläre mich bereit noch 5 Euro zu zahlen, jedoch
erst, wenn ich das Gelände verlassen habe und stelle das Gespann so hin, daß
ich gleich losfahren könnte und blockiere dabei bewußt den Autowaschplatz.
Alle reden durcheinander, am Ende steht einer der Männer mit einem
Kundenfahrzeug hinter mir und hupt, während der andere gestikuliert. Meine
angebotene 5€ will lustigerweise offensichtlich keiner mehr haben. Wir
bedanken uns bei der Hostelbesitzerin und fahren los, schon bald haben wir
die chaotische Stadt hinter uns und erklimmen die Berge.
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Die georgische Heeresstraße führt von Tiflis aus durch
die Berge ins russische Vladikavkaz. Offensichtlich ist die Grenze sogar mal
geöffnet, denn wir sehen an diesem Tag eine handvoll russischer Autos.
Heutzutage hat die Straße jedoch in erster Linie touristische Bedeutung. Sie
führt in Georgiens meistbesuchte Ski- und Bergsteigegebiete; viele Leute,
wie auch wir, kommen auch um einfach die Landschaft von der Straße aus zu
bestaunen. Warum auch immer man sie unter die Räder nimmt: Die Fahrt lohnt
sich! Erst führt die Strecke einige Zeit an einem Fluß entlang, den ich
erstmal für ein ausgiebiges Bad nutze. Im Wohnwagen kann man sich zwar
waschen wie anno dazumal, als Badezimmer in den Wohnungen noch nicht
selbstverständlich waren, doch ein Bad oder eine Dusche ersetzt das
natürlich nicht.
Später steigt die Straße über Serpentinen stark an. Wir
halten immer wieder an, um die phänomenale Aussicht auf die sattgrüne
Berglandschaft zu genießen. Zwischendurch ist die Strecke unasphaltiert,
aber immer noch gut befahrbar, bis vor Kazbegi wieder eine gute
Asphaltstraße beginnt. Der Ort selbst ist eher weniger ansprechend und die
Verkäuferinnen in den kleinen Läden wirken als wären sie in Trance. Dazu
nervt uns noch mehrfach ein Mann mit seinem Lada Niva, der uns gern irgendwo
hinfahren möchte. Er fährt sogar unserem Auto hinterher, um uns beim
nächsten Halt wieder zu behelligen. Landschaftlich ist es herrlich und wir
finden einen schönen Platz auf einer Wiese außerhalb der Stadt. Nachts zieht
ein heftiges Gewitter über die Gegend, der Blick aus dem Fenster bringt
etwas wie Weltuntergangsstimmung.
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| Stepatsminda oder Kazbegi |
Richtung Rußland |
Für uns wäre spätestens am Darielpaß, dem Grenzübergang
nach Rußland, Schluß. Es ist jedoch überhaupt nicht schlimm, die schöne
Strecke noch einmal zu fahren. Zur anderen Tageszeit mit anderen
Wetterverhältnissen erscheint die Strecke auch buchstäblich in anderem
Licht. Auf dem unasphaltierten Stück werden wir von begeistert aussehenden
Touristen aus einem Geländewagen fotografiert; ein deutsches Auto mit echten
deutschen Insassen und einem DDR Wohnwagen sieht man hier eben selten.
Vielleicht erinnern die Fotografen sich ja gerade an ihren lang vergangenen
Ostseeurlaub mit so einem Plastehäuschen am Trabant.
In Tiflis entscheiden wir uns durch die Stadt zu fahren, um einmal wieder
ordentlich einkaufen zu können. Als wir uns durch den unangenehmen
Stadtverkehr durchgequält haben, halten wir immer noch vergeblich nach einem
Einkaufszentrum Ausschau. Stattdessen hätte es viele Gelegenheiten gegeben,
Möbel oder einen fabrikneuen Oberklassewagen zu kaufen. Hätten wir doch bloß
die Umgehungsstraße genommen! In Grenznähe ebbt der halsbrecherische Verkehr
zum Glück ab und am späten Nachmittag erreichen wir den Grenzposten, wo wir
uns wieder trennen müssen. Die georgische Abfertigung ist sehr
unkompliziert, ich muß jede Tür kurz öffnen, werde nach Papieren gefragt,
die ich bei der Einreise jedoch nicht bekommen habe und muß abwarten, bis
die Stromversorgung der Computer wieder funktioniert. Danach parke ich neben
einigen anderen Männern, die alle auf ihre Frauen warten. An der
Fußgängerabfertigung scheint ein kleines Chaos ausgebrochen.

Auf armenischer Seite stehen alle Autos in einer Reihe
auf der einzigen Spur, deren Insassen in einer Traube um den
Paßkontrollschalter. Ein Grenzer holt mich aus der Gruppe der Wartenden
heraus, ich soll mein Auto in einer Ecke parken und mich erstmal um die Visa
kümmern. Gesagt getan – wir füllen die Anträge aus und bekommen zum
Schnäppchenpreis von 10 Dollar pro Person die Visa in den Paß geklebt, die
Quittung lautet jedoch nur auf 3000 Dram – der überschüssige Betrag ist wohl
Trinkgeld, doch ist dies immernoch besser, als zurück nach Georgien zur Bank
geschickt zu werden oder bei irgendwem schwarz tauschen zu müssen. An der
Paßkontrolle kommen wir nun gleich dran und fahren weiter zum Zoll. Ein
junger Zöllner, der sehr gut Englisch spricht, kümmert sich um uns. Er wirft
einen genauen Blick auf unsere Sachen und möchte von mir genau erklärt
haben, was wir dabei haben. Vorsichtshalber gebe ich den Laptop an. Der junge Mann meint nur, dies sei
kein Problem, denn ein Laptop sei ja nicht verboten. Er behält meinen Paß
und die Fahrzeugpapiere und ich soll auf dem Hof parken. Dort stehen schon
ein paar dutzend Autos aus aller Herren Länder, daneben noch sichtlich
genervte türkische Busfahrer. Der Zöllner unterhält sich offensichtlich mit
Vorgesetzten, kontrolliert dann noch mal das Auto und begleitet uns zur
Fahrzeugregistrierung. Dort erfahren wir den Grund seiner Gespräche: Man ist
sich unsicher, wie der Wohnwagen zu deklarieren ist. Er sorgt dafür, daß wir
sofort an die Reihe kommen und übersetzt beim Eingeben der Fahrzeugdaten in
die Zollcomputer. Unser Freund und Helfer sorgt dafür, daß auch der Anhänger
in die Zolldokumente eingetragen wird, damit es bei der Ausreise keine
Probleme gibt. Zwischendurch muß ich noch gut 40 Euro an einem Bankschalter
einzahlen und bekomme das Einfuhrdokument für 15 Tage. Es ist das erste Mal,
daß wir an einer Grenze bevorzugt abgefertigt wurden – und das sogar
kostenlos, naja, jedenfalls ohne zusätzliche Kosten. Der Grenzer wünscht
gute Reise und wir bedanken uns bei ihm. Kurz hinter der Grenze lassen wir
uns in der Nähe des berühmten Haghphat Klosters nieder. Am nächsten Morgen,
wir sind gerade wach geworden, klopfen die vier deutschen Mercedesfahrer aus
Tiflis an unsere Tür. Sie sind gerade nach einem Abstecher nach Armenien auf
dem Rückweg nach Georgien. Obwohl wir direkt an einer kleinen Straße stehen
und auch sonst nie darauf geachtet haben, daß unsere Nachtplätze uneinsehbar
sind, ist es das erste Mal, daß jemand zu Besuch kommt.
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| Haghphat |
Blick hinab |
Das Kloster ist leidlich gut erhalten, es bleibt nur zu
hoffen, daß die finanziellen Hilfen „mit Grüßen vom amerikanischen Volk“
nicht versiegen. Es hätte sich bereits wegen der herrlichen Aussicht
gelohnt, die schmale Serpentinenstraße hochzufahren.
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| Ort in der Debedschlucht |
Vanadzor |
Die Fahrt geht nun weiter durch die Debedschlucht. Dem
Panorama stehen leider verfallene Industrieanlagen gegenüber. Es ist eine
alte Kupferminengegend, die jedoch längst aufgegeben ist. Wer Spaß am
Entdecken verlassener Plätze hat, könnte hier sehr viel Freude haben. In den
Orten siehe es nicht besser aus, die Gegend ist ärmlich. Bei trübem Wetter
geht es weiter nach Vanadzor. Die Stadt hat viel sowjetische Architektur und
etwas Leben zu bieten. Wir essen in einem Fastfood Restaurant, das eindeutig
einer amerikanischen Kette nachempfunden wurde, jedoch ein wesentlich
vielfältigeres und geschmacksintensiveres Angebot hat.
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Die Straße nach Jerewan führt über einen der vielen
Bergpässe Armeniens. Das satte Grün wird durch eine weite, gelbliche
Graslandschaft abgelöst und das Wetter wird schlagartig besser. Von unserem
Nachtplatz aus haben wir Aussicht auf nahe Berge und können in der Ferne
schon die Umrisse des Ararat sehen. Nach Sonnenuntergang taucht der Vollmond
die weitläufige Gegend in ein fahles Licht, in der Ferne leuchten schon die
Lichter von Jerewan.
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Eine Autobahn mit tückischen Schlaglöchern führt nach
Jerewan hinein, dort finden wir schnell die Tourist Information, wo die
netten Angestellten vergeblich versuchen, einen Stellplatz für uns zu
finden. An Reisende mit dem Wohnwagen ist man hier nicht gewöhnt und die
Guesthousebesitzer möchten ihre Zimmer vermieten, und niemanden, der in
ihrem Hof schläft. So lassen wir uns hinter einer Tankstelle am Jerewansee
nieder, die Botschaft der USA in Sichtweite, direkt am Ufer liegt das
Gerippe einer alten Straßenbahn im Wasser, daneben wird tags geangelt. Ein
skurriles Bild. Die Stadt läßt sich ganz gut mit dem Auto erkunden, der
Verkehr sieht zwar chaotisch aus, doch sind die meisten Fahrer erstaunlich
gelassen. Die durchweg heilen Bürgersteige, die entspannten Leute und vor
allem die Sauberkeit sind ein Kontrastprogramm zu Nachbarland Georgien und
dessen Hauptstadt.
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Einer der ersten Wege führt zur Vertretung von
Bergkarabach, wo wir noch zwei Engländer treffen, die sich von einem Taxifahrer
Armenien zeigen lassen. Bei der späteren Abholung der Visa liegen nur unsere
vier Reisepässe auf dem Schreibtisch der Konsularbeamtin. Die Visa sind von
so schlechter Qualität, daß auf den Aufklebern genausogut „Atomkraft Nein
Danke“ stehen könnte.
In Jerewan sehen wir uns noch die Erebuni Festung an, die für den Laien eher
als Aussichtspunkt taugt. Die fleißig grabenden Archäologen sehen es wohl
anders. Die restliche Zeit gehen wir spazieren und tafeln uns durch Cafés
und kleine Restaurants. Auch wenn es nicht viele touristische
Sehenswürdigkeiten gibt, die Stadt ist schön und ideal zum Treibenlassen.
Besonders abends sind die Cafés und Fußgängerzonen voll. Eine künstliche
neue Fußgängerzone hat eine regelrechte Schneise in das Stadtbild gerissen.
Die meisten Gebäude sind noch nicht einmal bezogen, doch die Farbe bröckelt
teilweise schon. Ein letzter alter Wohnblock steht noch – aus dem Fenstern
hängen bereits S.O.S. Fahnen. Der Bau der repräsentativen Meile ist also
offensichtlich noch nicht abgeschlossen.
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| Die "Schneise" |
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Nach zwei Nächten verlassen wir unseren Platz am See
und fahren in Richtung Süden. Die Straße führt durch flaches Land direkt an
der türkischen Grenze entlang. Aus dieser Ebene erhebt sich übergangslos der
Ararat, das Wahrzeichen Armeniens, das heutzutage auf türkischem Gebiet
liegt. Trotz der schlechten Sicht gibt der Ararat ein beeindruckendes Bild
ab.
Im Ort Yeraskh fahre ich von der Hauptstraße ab und wir
stoßen nach einigen hundert Metern auf die Grenze zur aserbaidschanischen
Exklave Nachitschevan. Die Grenze ist abgeriegelt und die Straße endet in
einer Kfz Sperranlage, drumherum sind Schützengräben und grüne Büsche, die
hier etwas deplaziert wirken. Der Grenzort selbst ist schmutzig und
teilweise am verfallen – ganz anders als die meisten armenischen Orte.
Weiter geht es durch eine steinige Berggegend über mehrere Pässe. Später, in
der Gegend um Sisian dominiert wieder grün. Es ist einfach unglaublich, was
für eine landschaftliche Vielfalt in diesem kleinen Land steckt.
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| Sisian |
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Sisian ist eine nette Kleinstadt, nicht mehr und nicht
weniger. Wie schon in Jerewan wird es abends extrem windig, die Nacht in der
Höhenlage ist ziemlich kalt.

Wir fahren zügig in Richtung Grenze, für eine
Stadtbesichtigung ist Goris ist es uns noch zu früh, die Straße wird
zusehends schlechter. Bei einem Stop hält ein Auto, es ist ein ARD
Journalist mit Fahrer und Übersetzerin. Kurz darauf erreichen wir die
Grenze, ein Stück weiter liegt der karabacher Grenzposten. Dort werden kurz
unsere Daten notiert und wir dürfen ohne Zollkontrolle und Fahrzeugsichtung
weiterfahren. Seit der Grenze ist die Straße hervorragend. Sie ist zwar
nicht breiter als eine deutsche Kreisstraße, doch ist der Asphalt sehr gut,
dafür funktionieren unsere Handys nicht mehr. Die Karabakh Telecom, die hier
ein Netz betreibt, kooperiert mit keinem ausländischen Anbieter, einzig die
einheimischen Simkarten funktionieren. Hin und wieder stehen Schilder an der
Straße, daß deren Bau mit der Unterstützung der All-Armenian-Foundation
gebaut wurde. In diese Stiftung zahlen überwiegend im Ausland lebende
Armenier ein. An zügiges Fahren ist dennoch nicht zu denken, denn die
Strecke führt durch eine zerklüftete Berglandschaft und ist wahnsinnig
kurvig.
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Wir befinden uns nun in einem Gebiet, mit ungeklärtem
Status. Karabach hat sich zwar als eigene Republik für unabhängig erklärt,
doch wird das Gebiet dieses jungen Staates weiterhin von Aserbaidschan
beansprucht und gehört völkerrechtlich auch noch dazu, obgleich es vom Rest
des Landes durch die alte Frontlinie, an der auch heutzutage noch
gelegentlich geschossen wird, abgetrennt. Verkompliziert wird die Sache noch
dadurch, daß das Land derart eng mit Armenien zusammenarbeitet, daß man es
für ein Teil davon halten könnte. Man zahlt mit armenischem Geld, die
Autokennzeichen sind gleich, die Sprache sowieso. Dazu läuft das armenische
Visum auch beim Besuch von Karabach weiter, als hätte man das Land nie
verlassen. Erreichbar ist Karabach nur über diese eine Straße, die es
natürlich mit Armenien verbindet. Trotz alledem wurde die Republik
Bergkarabach noch von keinem Staat der Welt, nicht einmal von Armenien
offiziell anerkannt. Man sollte unbedingt vermeiden, bei dem Besuch in
ernsthafte Schwierigkeiten zu kommen, denn konsularische Hilfe gibt es hier
nicht.
Nach einem kleinen Blick auf den Ort Shushi geht es
weiter nach Stepanakert, der Hauptstadt Karabachs. Die Suche nach einem
Übernachtungsplatz ist in der Umgebung gar nicht so einfach, denn fast alle
Flächen sind bewirtschaftet.
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Nationalmonument Karabachs |
Stepanakert ist eine gepflegte, angenehme Kleinstadt,
einige Verwaltungsgebäude erinnern daran, daß dies die Hauptstadt der
Republik Bergkarabachs ist. Vielleicht gibt es ja in ferner Zukunft auch mal
ein Botschaftsviertel, wie in allen anderen Hauptstädten auch. Gebaut wird
jedenfalls immernoch, es entsteht gerade ein Stadion.
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Während wir es uns in einem Café gutgehen lassen,
überlegen wir, ob wir einen Besuch an der Frontlinie oder in der
Geisterstadt Agdam riskieren wollen. Agdam wurde 1993 während des
Armenisch-Aserbaidschanischen Krieges von der armenischen Armee fast
vollständig zerstört und besetzt, sie liegt nicht auf dem historischen
Gebiet Karabachs, dessen Grenzen durch die Frontlinie provisorisch neu
gezogen wurden, direkt östlich der Stadt verläuft die Frontlinie. Obwohl die
Stadt im Lonely Planet als eines der Highlights von Karabach angepriesen
wird, ist ein Besuch dort zumindest für Touristen verboten. Angeblich ist es
nur für ein fürstliches Trinkgeld mit dem Taxi möglich, weiterhin haben wir
von einem Checkpoint gelesen, an dem wir ohnehin zurückgeschickt würden. Die
vielen privaten Aufnahmen, die man von der Stadt im Internet findet,
sprechen jedenfalls dafür, daß es nicht sonderlich brisant sein kann.
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| Mayraberd - die Straße geht mittendurch |
Richtung Osten wird es schlagartig flach |
Am Nachmittag nehmen wir also die Straße in Richtung
Osten unter die Räder, vorbei an den historischen Ruinen von Mayraberd geht
es von der bergigen Landschaft um Stepanakert in eine weitläufige Ebene. Je
weiter östlich wir kommen, desto schlechter wird der Asphalt, doch die
Straßenbauarbeiten sind schon in vollem Gange. Immer wieder stehen kleine
Ruinen nahe der Straße, bis schließlich Agdam in Sichtweite rückt. An einer
Kreuzung biegen wir von der Ost-West Straße ab und kommen an einem großen
Militärlager vorbei. Wir fahren wie selbstverständlich weiter, die Soldaten
recken ihre Hälse nach uns, aber auch nicht mehr als das. Wenig später
taucht im Rückspiegel ein Militärfahrzeug auf, wir fahren immer weiter
geradeaus, in die Richtung, in der nach unserem GPS das Stadtzentrum von
Agdam liegen soll. An einer Kreuzung biegt der Militärlastwagen ab und wir
sind wieder unbehelligt, kurz darauf stehen wir fast direkt vor der Moschee
von Agdam, eines der sehr wenigen erhaltenen Bauwerke der Stadt und sind
damit mitten im Zentrum angekommen. Wir könnten nun auf eines der Minarette
steigen und von dort eine Aufnahme der Stadt machen, doch wollen wir unser
Glück nicht zu sehr herausfordern und kehren um. Erstaunlicherweise ist man
auch in dieser Geisterstadt nicht ganz allein. Hirten lassen ihr Vieh
zwischen den Ruinen grasen und es haben sich auch wieder Leute häuslich
eingerichtet, wenn es auch nur sehr wenige sind. Möglicherweise sammeln sie
Baumaterial aus den Ruinen. Der Besuch in Adam ist ein unbeschreibliches
Erlebnis, die absolute Ruhe und die still daliegenden Ruinen vermitteln das
Gefühl einer gespenstischen Ruhe. Stille kann einen merkwürdigen Klang
haben. Wenig später kommen wir auch gefühlstechnisch wieder in der Realität
an – als wir wieder am Militärstützpunkt vorbeikommen, setzt sich gerade ein
Konvoi mit schwerem Kriegsgerät in Bewegung. Um uns kümmert sich zum Glück
wieder niemand.
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| Agdam - Östlichster Ort der Reise |
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Auf dem Rückweg begegnet uns ein Taxi mit langhaarigen,
europäisch aussehenden Insassen, wenig später kommt uns ein Opel entgegen,
der ohne Rücksicht auf Verluste über die schlechte Straße rast, kurz darauf
folgt ein Polizeiwagen mit Blaulicht.
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Am Straßenrand liegt ein muslimischer Friedhof, der
offensichtlich schon lang nicht mehr gepflegt wurde, zwischen den Steinen
grast teilweise das Vieh. Möglicherweise wohnen die Angehörigen der Toten
jenseits der Frontlinie. Es ist schon bemerkenswert, daß sowohl dieser
Friedhof, alsauch die Moschee von Agdam von den christlichen Armeniern nicht
gesprengt wurden. Uns reicht es für dieses Tag und wir fahren zurück zu
unserem Wohnwagen, der nun inmitten von Kühen steht, die gerade zurück ins
Dorf getrieben werden und an der Wasserstelle, die direkt nebenan liegt,
noch ihren Durst stillen. An Tiere sind wir ja mittlerweile gewöhnt, nicht
jedoch an Leute wie den Bauern, der uns kurz darauf beehrt. Eigentlich
möchte er wohl nett sein, redet sehr undeutliches Russisch, sodaß ich
absolut kein Wort verstehe, dabei riecht er verdächtig und fragt immer
wieder nach Zigaretten, während ich ihm immer wieder sage, daß ich nicht
rauche. Andere Bauern grinsen aus der Distanz herüber. In einem Lachanfall
zieht er sich den Schuh aus, holt etwas heraus und hält es mir unter die
Nase, ein Beutel Haschisch! Andere bekommen im Rausch Heißhunger, dieser
Mann lallt lieber Russisch. Erst als Stefanie in den Wohnwagen geht und ich
unsere Stühle ins Auto packe, geht es los – in die Stadt, wie er noch
erstaunlich deutlich sagt.
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| Gandzasar |
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Nach einer ruhigen Nacht machen wir uns auf dem Weg zu
heilen Sehenswürdigkeiten Karabachs. Über den „Nord-Süd-Highway“ fahren wir
in Richtung des Klosters Gandzasar, den Wohnwagen lassen wir an unserem
Nachtplatz zurück. Obwohl es nur wenige Kilometer westlich von Agdam liegt,
fahren wir nicht über flaches Land, sondern durch eine tiefgrüne Berggegend,
zum Kloster führt später eine kleine, steile Serpentinenstraße. Die Fahrt
hat sich gelohnt, das Kloster ist ein kleines Schmuckstück und von oben hat
man eine herrliche Aussicht. Auf dem Weg zurück zur Hauptstraße, der wir
weiter gen Norden folgen wollen, steht plötzlich ein Anhalter mit
Reiserucksack. Alfredo kommt aus Spanien und reist ohne Zeitlimit. Unser
Plan für den Tag gefällt ihm und er steigt zu. Schon nach kurzer Zeit
erreichen wir den See, der auf der Karte eingezeichnet ist. Für den
Reisenden ist hier Schluß, nördlich beginnt eine wilde Gegend, die an der
nördlichen Frontlinie endet. Von hier nehmen wir eine Straße, die nicht von
einer Stiftung erneuert wurde, so quälen wir uns durch tiefe, riesige
Löcher, schneller als Schritt kann ich fast nie fahren. Andere Fahrzeuge
begegnen uns nur selten, auch Ortschaften scheint es kaum zu geben. Am
Straßenrand sehen wir wieder die Markierungssteine des „Halo Trust“, der die
Gegend von Minen gesäubert hat. Die größte Gefahr für den Reisenden ist
also schon gebannt.
Nach endlosen Kilometern erreichen wir Martakert, die
Stadt liegt direkt am Fuße der Berge, östlich von ihr beginnt wieder die
Ebene, die sich in Richtung Aserbaidschan erstreckt. Der Ort erscheint
weniger interessant, außerdem ist es schon spät am Tag, wir wissen nichts
über die Straße nach Stepanakert und möchten dort gern noch vor Einbruch der
Dunkelheit ankommen. Vorher möchten wir jedoch noch ohne störende Häuser
einen Blick in die weite Landschaft werfen, wofür wir eine Straße nehmen,
die nach Osten und damit auch in Richtung der Front führt. Kaum haben wir
uns versehen, hält uns schon die Polizei an. Die verlangten Papiere stecken
die Beamten nur ein, wir folgen ihnen in der Erwartung, daß sie uns zur
Hauptstraße zurücklotsen, doch die Fahrt führt zum Revier. Die Polizisten,
die draußen herumstehen, wirken verwundert. Ich soll noch das Auto
ordentlich parken, dann werden wir zu einem höheren Beamten gebracht –
jedenfalls hat er ein eigenes, dezent möbliertes Büro und seine obere
Zahnreihe besteht rechts exakt bis zur Mitte aus Goldzähnen. Das ganze wirkt
wie eine Szene aus einem schlechten Film. Er sichtet unsere Papiere, tut so,
als könne er sie lesen und fragt dann, wo wir herkommen. Alfredo versucht
mit ein paar Worten Armenisch, die ihm Dorfbewohner beigebracht hatten,
herauszufinden, wo das Problem sein soll. Der Kommissar fragt auf Russisch
nach unserer Kamera und sieht sich die Bilder des Tages an, alle anderen
Aufnahmen sind bereits auf dem Laptop. Wenig später kommt eine
Englischlehrerin, die erstmal unsere Namen ins Armenische übersetzt. Als
nächstes wird Alfredos Reiseerlaubnis beanstandet, da Martakert nicht auf
ihr vermerkt ist. Uns wird das Theater langsam zu bunt und wir bitten um
eine Begründung für die Verhaftung. Angeblich sind wir nicht verhaftet. Ich
schlage energisch vor, daß wir gehen, stehe auf und stoße den Stuhl weg.
„Nein! Sie sollen hierbleiben!“ „Wo ist also das Problem?“ erwidere ich. „Es
gibt kein Problem“. „Dann können wir ja gehen“ „Nein, noch nicht“. So dreht
sich das Gespräch im Kreis. Wir merken an, daß es illegal ist, jemanden ohne
Grund festzunehmen. Die Lehrerin scheint es sogar zu übersetzen, denn es
wird nochmals bekräftigt, daß dies keine Festnahme sei. Nochmals fragt er
nach unserer Kamera, die sich noch sein Vorgesetzter ansehen muß, ob wir
noch mehr Kameras haben und ob wir im Besitz von Fotos von Agdam oder der
Frontlinie sind. Nun wissen wir wenigstens, was man von uns will. Vielleicht
sollte den Experten mal jemand die Google Bildersuche zeigen, dann würden
sie schnell begreifen, wie sinnlos das Fotografierverbot entlang der Front
ist – beziehungsweise, daß es schon zu einem Teil des Reisevergnügens vieler
Leute geworden ist, dagegen zu verstoßen. In unserer Situation bringt das
natürlich nichts und wir hoffen, daß er nicht das Auto durchsucht, wobei er
zwangsläufig den Laptop finden würde. Auf die Idee kommt er glücklicherweise
nicht. Während die Fotos beim Chef sind, der wahrscheinlich ein komplettes
Goldgebiß und zwei kaum möblierte Büros hat, bedienen wir uns an seiner
Pralinenschachtel. Er kann einem Leid tun, denn sie schmecken wie Kuvertüre.
Als er zurückkommt möchte er den guten Kumpel mimen und wir werden
entlassen. Draußen unterhalten wir uns noch etwas mit der Lehrerin und ihrem
Mann, der deutschen Fußball mag und sie gemeinsam mit ihren beiden Kindern
abholt und bedanken uns bei ihr.
Zügig fahren wir vom Hof, ob es nun eine
Routinekontrolle war, ob es an unserem Schlenker auf die falsche Straße lag
oder ob an diesem Tag ein grüner Mercedes aus Deutschland auf der
Fahndungsliste stand, der tags zuvor in Agdam gesichtet wurde, werden wir
nicht erfahren. Im Internet ist jedenfalls zu lesen, daß wir nicht die
ersten sind, die in die Fänge der Polizei von Martakert geraten sind, auch
für die Englischlehrerin war es nicht der erste Einsatz als Übersetzerin.
Der Weg nach Stepanakert ist nicht weit, die Straße ist
leider noch nicht erneuert, aber immerhin ist sie asphaltiert, wenn auch
löchrig. Die Strecke führt wieder durch Gebiete außerhalb der eigentlichen
Grenzen Karabachs, immer wieder tauchen entlang der Straße völlig zerstörte
Dörfer auf, des Öfteren begegnen uns Militärtransporte. Die Straße endet
direkt an der Kreuzung, an der wir tags zuvor nach Agdam abgebogen waren.
Wir schaffen es sogar noch im Hellen nach Stepanakert, wo wir nur noch
Zutaten fürs Abendessen kaufen, Alfredo baut sein Zelt bei uns in der Nähe
auf. Es war wieder ein sehr ereignisreicher Tag.
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| Rückfahrt nach Armenien |
Dieser Wegweise weist unter anderem noch nach
Nachitschewan |

Während Alfredo noch etwas in Karabach bleiben möchte,
machen wir uns auf den Rückweg nach Armenien. Der kleine „Highway“ zurück
nach Goris ist wieder angenehm zu fahren. Nach vielen tausend Kilometern
Geholper weiß man glatten Asphalt umso mehr zu schätzen. An der
Kontrollstelle werden wir wieder aufgeschrieben und unsere „Accreditation
Card“ wird einbehalten. Wenige Kilometer später holpern wir wieder über
armenische Straßen. Diesmal wollen wir uns auch die Stadt Goris ansehen, die
wir auf dem Hinweg ausgelassen hatten. Der Reiseführer beschreibt sie zwar
als hübsch und interessant, doch können wir diesem Loch beim besten Willen
nichts abgewinnen. Viel schöner ist der Blick über die ganze Stadt von einer
Tankstelle mit Aussichtspunkt an der Straße Richtung Jerewan, an der wir
schon auf dem Hinweg aufgefüllt hatten. Die Tankwarte erinnern sich noch an
uns.
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| Goris |
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Weiter holpern wir über diese kleine Hauptverbindungsachse Armeniens
und überqueren nach einer Nacht an einem wahnsinnig kalten Bach den Vayots
Dzor Paß, der mit über 2400m zu den höheren gehört. Wie immer ist das
Schönste an so einer Fahrt die Veränderung des Landschaftsbildes mit
zunehmender Höhe, dazu noch die Aussicht, die nur durch ein paar Regenwolken
getrübt wird. Oben fahren wir noch über eine Hochebene, wo Bauern ein
kärgliches Leben führen. Der Abstieg ist eher moderat, denn der Sevan See,
der nun nicht mehr weit ist, liegt immerhin auf 1300m Höhe. Der Sommer und
damit auch die Urlaubssaison sind hier kurz, dennoch ist er das beliebteste
Ziel der Jerewaner. Er bietet etwas Erfrischung von der stickig-heißen
Großstadt, das Klima ist hier schon deutlich kühler als in der Hauptstadt,
und liegt nicht einmal eine Autostunde entfernt. Die Entfernung ist kurz,
doch ist die Fahrt fast eine komplette West-Ost Durchquerung Armeniens.
Während Jerewan nahe der türkischen Grenze liegt, ist die Grenze zu
Aserbaidschan von der Ostseite des Sevan Sees nur noch einen Steinwurf
entfernt.
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| Weg zum Sevan See |
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Intensive Tourismuswirtschaft scheint es dennoch wenig
zu geben. Die meisten Einrichtungen sind sehr klein, mancherorts stehen ein
paar Hütten zur Vermietung bereit oder es wird Platz zum Camping angeboten.
Die alten Hochhäuser, die wohl früher Gäste aus der gesamten Sowjetunion
beherbergten, sind fast alle am verfallen und stehen als graue Schandflecke
am Seeufer. Vielleicht sind diese Gebäude auch dem steigenden Wasserspiegel
des Sees zum Opfer gefallen und haben nun unfreiwillig ein Schwimmbad im
Keller. Der Ort Sevan ist schäbig und scheint für die Gäste höchstens ein
Durchgangsort zu sein.
Wir finden einen schönen Platz an der Ostseite – es
gibt eine Toilette, ein gemauertes Häuschen, Picknickbänke und eine leidlich
gute Zufahrt. Zu sehen ist niemand und wir genießen den ruhigen Fleck. Zum
Glück wird auch das Wetter besser, was die Erholung perfekt macht. Am
zweiten Tag machen wir noch einen Ausflug nach Diljan, einem netten
Bergstädtchen an der Seidenstraße mit Sanatorien und alten Häuschen. Wäre
Armenien nicht so verdammt weit weg, würden wir ab sofort sicher öfter
hinfahren.
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Die Autobahn nach Jerewan macht die Strecke wirklich zu
einem Katzensprung und ich muß mich immerwieder beherrschen, mich wenigstens
an der Höchstgeschwindigkeit zu orientieren. Anders als auf Landstraßen, wo
man rechtzeitig vor jeder Kontrolle per Lichthupe gewarnt wird, ist dies auf
der Autobahn nicht möglich. In Jerewan müssen mir noch einmal mitten durchs
Stadtzentrum fahren und kommen auch noch mal an unserem alten Zuhause am
Jerewansee vorbei. Weiter geht es in Richtung Norden, durch nette Landschaft
bis nach Gyumri. Der Stadt konnte es schlechter kaum ergehen – kurz vor dem
Zusammenbruch der Sowjetunion wurde sie auch noch von einem Erdbeben
heimgesucht, das schlimme Schäden anrichtete. Diese sind auch heute noch
unübersehbar. Nichtsdestotrotz ist die Stadt schön und die Straßen sind
voll, wir flanieren mit, sehen gar nicht ein uns die Abendstimmung entgehen
zu lassen und übernachten nach dem Kneipenbesuch einfach in einer
Seitenstraße.
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| Autobahn nach Jerewan |
Gyumri |
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| Gyumri |
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Ein Stück nördlich von Gyumri steht man schon an der
georgische Grenze. Trotz der jüngsten Annäherungen zwischen Armenien und der
Türkei ist die gemeinsame Grenze immer noch geschlossen und der Umweg über
Georgien oder den Iran nötig. Da wir weder iranische Visa, noch ein Carnet
de Passages für das Auto besitzen, bleibt uns nur Georgien. An dem
Grenzübergang ist gerade eine Delegation der US-Botschaft zugegen. Das
Witzige daran ist, daß die lustige Gruppe das Klischee vom
Durchschnittsamerikaner voll und ganz trifft. Einer der Männer hat einen
riesigen Oberlippenbart und einen Cowboyhut, die Frauen haben fette
Hinterteile, schlecht sitzende Hosenanzüge und dazu Sportschuhe. Alle
gemeinsam sehen aus, als würden sie sich schrecklich langweilen.
Die Grenzprozedur wird durch Computerprobleme etwas in
die Länge gezogen. Ich kann meine passend abgezählten 12€ für die
„Schließung“ der Autopapiere erst einzahlen, wenn das System des kleinen
Bankschalters, der in einer Kabine mit Bett und Fernseher untergebracht ist,
wieder funktioniert. Die Paßkontrolle ist dann schnell erledigt.

Auf georgischer Seite heißt es erstmal Schlangestehen,
um auf das Abfertigungsgelände zu kommen. Mit Sorge betrachte ich den tiefen
Graben, der wohl mal zur Desinfektion der Räder angelegt wurde. Als vor uns
ein offensichtlich höhergelegter alter Lada aufsitzt, einige ich mich mit
dem Soldaten darauf, daß ich die Gegenspur benutzen darf. Ich muß jedoch mit
dem Anhänger rückwärts in die Röntgenanlage fahren, die direkt hinter dem
ersten Tor angebracht ist. Im Grenzhaus geht die Abfertigung zügig
vonstatten. Zum ersten Mal werden die Fahrzeugpapiere beanstandet.
Irgendjemand hatte die glorreiche Idee, bei der Umschreibung auf die
EU-Fahrzeugpapiere, die Herstellerbezeichnung von Mercedes-Benz in
Daimlerchrysler zu ändern. Zum Glück beharrt der Mann nicht darauf, daß ja
vor der Tür ein Mercedes und kein Chrysler steht. Der Herr über den
Einreisestempel hat offensichtlich Schwierigkeiten mit der Eintragung des
Anhängers – er schreibt einfach das ab, was seine Kollegen bei der ersten
Einreise eingetragen haben. Nach den Formalitäten dürfen wir ohne
Fahrzeugkontrolle fahren.
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Die ersten georgischen Orte sind etwas schäbig, die
Straße nur geschottert. Weiter geht es durch abwechslungsreiche Landschaft,
teilweise führt die Straße durch eine Schlucht, nach Achaldzike. Die Straße
ist mit Unterbrechungen durch Baustellen gut, was will man mehr?

Da wir keine Pläne mehr in Georgien haben und es noch
nicht spät ist, fahren wir gleich weiter zum türkischen Grenzübergang bei
Vale und Posof. Im Vorfeld der Reise wurde mir von diesem Übergang
abgeraten. Die Straße sei katastrophal und die Abzocke durch die Grenzer
dort alltäglich. Leider ist ersteres eine der wenigen richtigen
Reiseinformationen, denn kurz hinter Vale hat die Straße diese Bezeichnung
nicht mehr verdient. Teilweise fehlt der Asphalt komplett und die Lastwagen
haben tiefe Spuren in den Dreck gefräst. Erschwerend kommen die Steigungen
hinzu, die ich ohne zu halten meistern muß – auf dem Geröll wäre Anfahren
mit dem Anhänger wohl unmöglich.
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| Grenübergang Vale - Posof |
"Versetzt" zu den Spurrillen zu fahren bringt hier
auch nichts mehr... |
Zum Glück sind es nur noch wenige Kilometer zur Grenze.
Dort ist wenig los. In einer Halle verschwindet ein Grenzer mit den
Papieren, kommt dann wieder, guck mal hier und mal da rein, ein Stück weiter
sind die Pässe schnell gestempelt, keine zehn Meter weiter steht schon die
erste türkische Baracke. Die Formalitäten ziehen sich ziemlich in die Länge.
Es scheint wieder einmal Probleme mit dem Anhänger zu geben, die Männer sind
sich offensichtlich nicht einig, wie man ihn in den Computer eingeben soll.
Nach langem hin und her schaffen sie es doch, am Tor des
Abfertigungsgeländes, wo alle Papiere auf Vollständigkeit überprüft werden,
droht die Diskussion erneut zu beginnen. Zum Glück wird es schnell
klargestellt und schon rollen wir auf neuem türkischen Asphalt und
übernachten noch in Sichtweite des Grenzortes auf einer Wiese.
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| 2540 m |
Ani - Highway |
Von Posof aus führt die Strecke erst durch sattgrüne
Landschaft über einen Bergpaß. Unser Ziel ist Ani – die alte armenische
Stadt, die heutzutage direkt an der gemeinsamen Grenze auf türkischer Seite
liegt. Der Weg dorthin führt über eine neue vierspurige Straße, die man sich
nur mit ein paar Eselkarren und Sammeltaxis teilt. Im letzten Dorf vor der
Grenze, das direkt neben Ani liegt, endet sie quasi im Nichts. Die
Ruinenstadt selbst ist beeindruckend. Es ist erstaunlich, was von dieser
alten Stadt noch alles übrig ist. Die Stadt wurde zwischen zwei Schluchten
erbaut, was früher eine gute Verteidigungsmöglichkeit war und heute für die
Touristen ein noch spannenderes Fotomotiv bringt. Leider wird nicht viel für
die Erhaltung der Bauten getan. Jahrhundertealte Malereien fallen den
Schmierereien derer zum Opfer, die sich nicht benehmen können und an allem
nagt ungestört der Zahn der Zeit. Das einzige, was gerade mit großem Aufwand
wieder aufgebaut wird, ist die Moschee.
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| Ani - im Hintergrund liegt Armenien |
Rennstrecke gen Westen |
Als wir weiterfahren wollen, kommt eine holländische
Reisegruppe, für die wir die erste Attraktion des Ortes sind. Mit ihnen
kommen auch gleich die Bettelkinder aus ihren Löchern und wir entscheiden,
doch lieber nicht auf dem Parkplatz vor Ani unser Mittagessen zu kochen,
sondern nach Kars zu fahren. Der Ramadan hat diese nette aber unspektakuläre
Stadt zwar auch im Griff, doch finden wir ein Restaurant, in dem es leckeres
Essen gibt.
Nach der Nacht an einem Wirtschaftsweg in den Feldern
nahe der Stadt kommen wir zu der Erkenntnis, daß es in Ostanatolien wohl
nicht viel geben wird – natürlich abgesehen von der herrlichen Landschaft,
die den Ganzen Tag an uns vorbeizieht. Dies bestätigt sich in der Stadt
Erzurum. Die Stadt scheint eine Islamisten und Militärstadt zu sein, mehr
nicht. An jeder Ecke steht eine Moschee im Standarddesign, man sieht kaum
eine Frau ohne Kopftuch und am Stadtrand sind viele Militäreinrichtungen.
Auch eine Universität gibt es, an der angeblich überwiegend die studieren,
die im Westen des Landes keinen Studienplatz bekommen haben. Auch uns hält
hier nichts, doch wollen wir noch die guten Einkaufsmöglichkeiten nutzen.
Auf dem Parkplatz ist ein heilloses Chaos. Damit dies auch so bleibt, parkt
noch jemand direkt in der Zufahrt. Die Autos, deren Fahrer ihre
Denkkapazitäten wohl vorher in der Moschee vollständig verbraucht haben,
stauen sich nun von beiden Seiten, es wird geflucht und geschrieen, als der
Fahrer des Wagens wiederkommt wollen ihm gleich mehrere an den Kragen. Wir
fahren weiter und finden neben einem kleinen See einen tollen Nachtplatz.
Weiter geht es durch Ostanatolien, das sich von seiner regnerischen und
kalten Seite zeigt. Längst haben wir unsere Schlafsäcke hervorgeholt und
nutzen unsere Sommersteppdecken nur noch als zusätzliche Isolierung. Wieder
stellen wir uns einfach abseits der Straße an den Rand eines abgeernteten
Feldes. Als ich ein paar Sachen aus dem Kofferraum räume, habe ich plötzlich
nasse Hände, offensichtlich habe ich den Wasserkanister, als ich ihn mit
einem Wasserschlauch befüllt hatte, vergessen, wieder zuzudrehen. Ich räume
den Kofferraum komplett leer und trockne ihn so gut wie möglich. Ein Problem
ist die triefend nasse Kofferraumabdeckung, die man schlecht wieder so
einsetzen kann. Bei dem Wetter wird sie wohl kaum über Nacht von allein
trocken. Ich starte den Motor und versuche es mit dem Kühlergebläse. Zum
Glück hat der Wagen einen Starrlüfter, der permanent und nicht nur bei
Bedarf läuft. Ein idealer Trocknungsventilator. Nach gut zwei Stunden ist
alles wieder einigermaßen trocken, die Stimmung ist gerettet. Nachdem wir
uns gerade eingeschlafen sind, bekommen wir noch Besuch, Scheinwerfer werden
auf unseren Wohnwagen gerichtet, mehrere Leute laufen drum herum und jemand
klopft. Vor der Tür steht ein junger Kerl mit Maschinengewehr, der einiges
auf Türkisch erzählt. Ich krame unsere Pässe vor, ein älterer Soldat in
Ausgehuniform kommt hinzu, guckt kurz in meinen Paß. „Deutschland? Ok ok!“
Und die Jungs ziehen ab ohne sich zu verabschieden. Das war wohl eine der
fiesen Militärkontrollen, die den Reisenden das Leben ach so schwer machen.
Wir fahren weiter entlang der Hauptroute, sehen uns den
Ort Amasya an, ein schöner Ort in den Bergen. Leider ist nun das Zuckerfest,
bei dem drei Tage lang das Ende des Ramadan gefeiert wird. Die Familien
kommen aus allen Teilen des Landes zusammen und begehen es mit einer Menge
Süßigkeiten. Daher auch der Name des Festes. Leider haben fast nur Läden
geöffnet, die Zuckerwaren anbieten, für den Reisenden ist dieses Fest daher
eher störend. Die während des Ramadan ersehnte Normalität bekommen wir daher
noch nicht.
Von unserem Nachtplatz haben wir einen wunderbaren
Blick auf Reisfelder.
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| Safranbolu |
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Mit Safranbolu liegt ein weiterer schmucker Ort auf dem
Weg. Sogar der UNESCO war die Altstadt eine Auszeichnung wert. Die Gassen
aus Häusern im alten Stil sind voller Souvenirläden und Touristen. Ausländer
sieht man jedoch kaum. Als wir abfahren, steht auf dem Parkplatz eine
holländische Wohnmobilkarawane. Die durchweg älteren Herrschaften haben von
der Stadt noch nichts angesehen, dafür sind schon einige Weinflaschen leer.
Obwohl es schon spät ist, nehmen wir noch eine kleine Bergkette unter die
Räder, geraten dabei in ein Unwetter und rollen um kurz nach 8 zum zweiten
Mal auf der Reise in Amasra ein. Dort ist es trocken, ruhig und vor allem
ist es seit Tagen endlich einmal wieder angenehm warm. Bevor wir wieder nach
Europa aufbrechen, entspannen wir noch etwas an dem schönen Platz am
Busbahnhof und den Gassen der Stadt.
Von Amasra aus fahren wir den direkten Weg gen Westen.
In einer Kleinstadt lasse ich noch an einer großen Tankstelle einen
Ölwechsel machen. Bis zur Autobahn geht die Fahrt durch angenehme Gegend.
Kurz vor der Autobahn essen wir an einem Rastplatz. Als wir drinsitzen,
fängt ein Mann an, mein Auto zu waschen. Nun bin ich ohnehin schon kein
Freund ungebetener Dienstleistungen. Da diese hier noch darin besteht, trotz
geöffnetem Seitenfenster mit Schlauch und Bürste Muster in den Dreck zu
kratzen, könnte ich den Kerl schlachten!
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Bereits 100km vor dem Bosporus erreicht man im Grunde
genommen schon das Häusermeer von Istanbul, der Verkehr ist dicht, aber er
fließt. Da die Autobahn mit Anhänger nicht billig ist, wechseln wir auf
europäischer Seite auf die Landstraße und kommen spät abends in Edirne an.
Am westlichen Ortsausgang stellen wir uns an die alte Brücke. Morgens parkt
neben uns ein Lastwagen mit Kieler Ausfuhrkennzeichen, ein Mann in
Frauenkleidern kommt vorbei und betrachtet seine fettige Haarpracht in dem
Spiegel an unserer offenen Tür, später kommt noch eine alte Frau, die etwas
von Allah erzählt, die Hand aufhält und gegen die Tür klopft als wir sie
schließen. Die Stadt an sich sieht zwar orientalisch aus, scheint jedoch
mehr als zur Hälfte aus griechischen und bulgarischen Shoppingtouristen zu
bestehen. Auf dem Markt kann man sogar Ausschußware von Kik erstehen.
Offensichtlich sind wir an Europas Grenze angekommen.
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| Edirne |
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Die Grenze ist schnell passiert, die Hauptreisezeit ist
schon vorbei und am Nachmittag erreichen wir Plovdiv. Die auf meiner Jahre
alten Karte schon als im Bau befindlich eingezeichnete Autobahn steht wohl
immer noch in den Anfängen ihrer Entstehung.
In Plovdiv schlägt uns unsere Freundin Svetlana vor,
doch in der Wohnung statt im Wagen zu schlafen. Noch bequemer als der warme
Schlafplatz auf dem Sofa ist für uns allerdings das Badezimmer mit heißer
Dusche.
Hier nehmen wir noch einen Mitfahrer an Bord. Während
wir dort sind, kommt auch Scheel an (siehe Belarus 2009). Er ist auf dem
Rückweg von seiner Weltreise und steigt bei uns zu. Sein Schlafplatz wird im
Auto sein.
Gemeinsam geht es erstmal durch die Berge
Südwestbulgariens. Die Nächte dort sind bereits empfindlich kalt.
Erstaunlicherweise ist das Bad in einem Stausee bei Dospat noch recht
angenehm.

Von Bulgarien geht es durch einen Zipfel Mazedoniens
nach Serbien. Dort wollten wir uns eigentlich noch einen Übernachtungsplatz
suchen. Wir haben es uns jedoch abgewöhnt, für die Nachtplatzsuche Umwege zu
fahren und halten lieber von dem Weg aus Ausschau, den wir ohnehin fahren
wollten. Wir sehen keinen Platz und stoßen auf die Grenze des Kosovo, die
wir eigentlich erst am nächsten Tag überqueren wollten. Die serbischen
Grenzer beschäftigen sich lange mit unseren Papieren. Offensichtlich werden
wir in einen Computer eingegeben, dann noch ein kurzer Blick in Auto und
Wohnwagen, wir können fahren und erreichen einige Kilometer weiter den
kosovarischen Posten. Als erstes müssen wir für eine Versicherung zahlen.
Mein Versuch, dem Beamten beizubringen, daß die deutsche Versicherung auch
dann zahlen würde, wenn ich gar keine grüne Karte hätte und es deshalb auch
egal ist, ob Kosovo nun auf ihr vermerkt ist oder nicht, scheitert leider.
Die Kontrolle geht aber zügig vonstatten, ein Nachtplatz ist auch bald
gefunden. Ein grenzenreicher Tag.
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Die Straßen des Kosovo sind meist nicht schlecht,
aber völlig überlastet. Hinzu kommt der absolut nervige Fahrstil der Albaner
und Fußgänger, die ohne vorher zu gucken über die Straße laufen. Mehrfach
passiert es mir, daß Autofahrer warten, bis ich mich genähert habe und mir
dann vor die Nase fahren, ein Lkw Fahrer bremst von voller Fahrt ab und
blockiert die Fahrbahn, bis sein Kollege vor ihm einbiegen konnte. Ist es
Boshaftigkeit, Egoismus oder Gedankenlosigkeit?
Was auch sofort auffällt: Genau wie in Albanien scheint die Erfindung
Mülltonne hier noch nicht angekommen zu sein, denn das ganze Land gleicht
einem riesigen Mülleimer.
Öfter begegnen einem Militärfahrzeuge von NATO Truppen,
insbesondere in der Gegend um Prizren ist viel Bundeswehr unterwegs.
Unübersehbar ist auch die starke Bautätigkeit. Die meisten Häuser sind neu
oder neu renoviert. Die Orte erscheinen uns eher reizlos, mit Ausnahme von
Prizren, das eine sehr schöne Altstadt mit Cafékultur hat. Vom Krieg sind
kaum noch Spuren übrig. Die Nacht
verbringen wir abseits einer Paßstraße – angeblich ist die Gegend ja
minenfrei.
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| Prizren |
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Bevor wir das Kosovo wieder in Richtung Serbien
verlassen, sehen wir uns noch Pristina an. Die Stadt ist, wie erwartet,
etwas chaotisch und dreckig. Nach längerer Suche finden wir einen Parkplatz
und sehen uns das stark von Beton geprägte Stadtzentrum an. Nach dem
Mittagessen in einer kleinen Pinte finden wir doch noch so etwas Ähnliches
wie eine Altstadt. Nördlich von Pristina steht man schon fast wieder an der
serbischen Grenze. Mal sehen, wie sich dieser Zwergstaat halten wird, wenn
irgendwann einmal die Hilfen aus dem Ausland zu Ende gehen. Die
kosovarischen Grenzer sprechen gut Deutsch und lassen uns gerne durch, doch
meinen sie, daß die Serben uns wohl kaum ins Land lassen werden, da unsere
Pässe bei der Einreise ins Kosovo gestempelt wurden. Wir hatten extra noch
nach diesem Stempel als besonderes Souvenir gefragt, da nach den
Informationen des Auswärtigen Amts die Visa des Kosovo durchgestrichen und
der serbische Einreisestempel noch einmal beglaubigt wird.
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| Serbisch unerwünscht! |
Grenze bei Podujeva |

Die Abfertigung auf serbischer Seite dauert zwar lang,
unsere Pässe mit den kosovarischen Stempeln sorgen für Diskussionen unter
den Grenzern, die Durchsuchung fällt etwas ausführlicher aus, doch man läßt
uns ins Land. Den Unterschied merkt man sofort. Die Straßen sind fast leer
und holprig, in den Orten unterstützt niemand die Leute beim Renovieren und
Bauen ihrer Häuser. Gleichzeitig wirkt Serbien aber insgesamt wesentlich
zivilisierter als das Kosovo, was wohl nicht zuletzt an der Sauberkeit
liegt. Bei Nis stoßen wir auf den Autoput und fahren bis nördlich von
Belgrad durch, wo wir auf einem Rastplatz übernachten.
Am nächsten Tag fahren wir teil auf der Autobahn und
teils auf der Landstraße, wodurch wir die Mautstationen „verpassen“. In Novi
Sad, das wir ausführlich erwandern, sehen wir seit Bulgarien die ersten
deutschen Touristen. Die Stadt ist blitzsauber und hat viel alte
Bausubstanz. Jenseits der Donau thront auf einem Berg die Festung, auf der
einmal jährlich ein Rockfestival stattfindet. Nach dem Essen fahren wir
weiter in Richtung Grenze, wo wir an einem See bei Subotica übernachten. Der
Parkplatz hat einen Höhenbegrenzer, während der Saison soll man dort wohl
nicht übernachten – die Saison ist aber längst vorbei. Nachts wird es
bitterkalt, weswegen wir am Morgen nicht recht in Gang kommen. Die nächste
Verzögerung ist die Grenze. Die serbische Poliezi ist nett, bis sie die
kosovarischen Stempel entdeckt. Wir werden gefragt, was wir dort zu suchen
hatten und die Pässe werden wieder ins Grenzhaus verschleppt, während ein
junger Kerl in unseren Sachen wühlt.

Auf ungarischer Seite heißt es erstmal warten, dann
geraten wir in die Fänge eines unfreundlichen jungen Zöllners, der ganz
offensichtlich nach einem Erfolgserlebnis sucht. Zuerst verlangt er eine
Rechnung als Nachweis, daß ich die Reserveräder in Deutschland gekauft habe,
legt später den 20 Liter Kanister frei und unterbreitet stolz, daß nur 10
Liter erlaubt sind. Wir müssen ihn enttäuschen, denn wir hatten kurz vor der
Grenze unser Restgeld vertankt und dafür nur 9,5 Liter bekommen. Es scheint
ihm nicht zu schmecken, das noch von einer Frau erklärt zu bekommen. Während
ich seinem Kollegen den Wohnwagen zeige, rufe ich Stefanie laut und deutlich
zu, sie solle aufpassen, daß nichts wegkommt. Er läßt er mich alle
Zigaretten herauskramen, die wir haben, kann mit der armenischen Schrift
nichts anfangen und will wieder wissen, woher sie sind und woher wir
überhaupt kommen, fragt mindestens viermal, ob ich noch mehr Zigaretten
habe, ob Drogen oder Feuerwaffen im Auto sind. Die gleichen Fragen wurden
mir mehrfach von der bayerischen Polizei vor dem tschechischen EU-Beitritt
gestellt. Interessant ist auch, daß der Ungar, genau wie die Bayern
seinerzeit, die Informationen in unseren Papieren nicht einmal sichtet und
statt dessen eigenartige Fragen stellt. Würde er sich die Stempel der letzten
Wochen ansehen, wäre schnell klar, daß wir zwar gerade aus Serbien kommen,
doch vorher noch woanders waren. Immerhin unterhält er sich mit uns auf
Deutsch. Ob er mal ein Praktikum in Bayern gemacht hat? Es war der mit
Abstand unangenehmste Grenzübertritt der Reise.
Nach der Grenze kaufe ich erstmal eine Vignette zum
doppelten Preis, da ich mich weder an den Preis erinnerte, noch daran
dachte, daß kurz nach der Grenze ein Rasthof kommt. Was man nicht im Kopf
hat, muß man im Portemonnaie haben. Wir haben alle drei keine Lust auf eine
weitere kalte Nacht. Gegen Mitternacht erreichen wir das Erzgebirge und sind
eine gute halbe Stunde später zu Hause. Wir waren weit weg, es waren sieben
Wochen – und die Zeit verging wie im Flug.
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